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Wut auf Megaprojekt
Nach den bereits Wochen andauernden Protesten war der Widerstand gegen das Projekt zuletzt immer stärker geworden. Eigentlich waren noch mehr Menschen zur Demonstration erwartet worden, strömender Regen hatte aber offenbar viele abgehalten. Die Demonstranten versammelten sich vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof, der von einem Kopfbahnhof in eine unterirdische Durchgangsstation umgebaut werden soll. Die Gegner wollen einen Baustopp und eine Bürgerbefraung erreichen.
Abriss von denkmalgeschützten Bauten
Die Kundgebung begann mit dem lautstarken „Schwabenstreich“, bei dem die Teilnehmer eine Minute lang so viel Lärm wie möglich machten. „Die Leute sind erzürnt darüber, dass das Projekt nun mit allen Mitteln vorangetrieben werden soll“, sagte der Mitorganisator Matthias von Herrmann. Anschließend bewegte sich der Protestzug in Richtung des nicht weit entfernten Landtags, wo eine Menschenkette gebildet wurde.
Dieser Ort sei auch deshalb gewählt worden, um zu zeigen, dass der Unmut im gesamten Land groß sei, hieß es. So würden auch Kritiker aus Baden erwartet, die befürchten, dass Gelder für den Ausbau der Rheintalbahn in Stuttgart landeten. Am Mittwoch hatte der Bagger mit dem Abriss des Nordflügels des denkmalgeschützten Hauptbahnhofs begonnen, der zum Symbol des Widerstands wurde.
Teuer und ohne Nutzen?
Bei dem mittlerweile 4,1 Milliarden Euro teuren Projekt soll der Kopfbahnhof in eine unterirdische Durchgangsstation umgewandelt und an die künftige Schnellbahntrasse nach Ulm angeschlossen werden. Kritiker halten das Bauvorhaben unter anderem für zu teuer, die Kosten waren zuletzt stets gewachsen. Für den Verkehr bringe es keinen entscheidenden Nutzen.
Verteuert und verzögert
Ursprünglich waren für Stuttgart 21 knapp 2,6 Milliarden Euro eingeplant, mittlerweile geht man von 4,1 Milliarden Euro aus. Der Baubeginn war ursprünglich für 2005 geplant. Tatsächlich begann man erst heuer im Februar. Das Gesamtprojekt soll bis zum Jahr 2019 vollendet sein.
Die Verlegung des Bahnhofs unter die Erde sowie eine neue Bahntrasse zum Flughafen und nach Ulm gelten als das größte Infrastrukturprojekt. Die Befürworter des Projekts verweisen auf kürzere Reisezeiten, rund 4.000 neue Arbeitsplätze und bis zu acht Milliarden Euro Folgeinvestitionen: Etwa wenn auf den rund hundert Hektar Gleisanlagen, die nun in bester innerstädtischer Lage abgerissen werden, neue Wohn- und Geschäftshäuser entstehen.
Grube lädt zu rundem Tisch
Ließ der Chef der Deutschen Bahn (DB), Rüdiger Grube, erst keinen Zweifel daran, dass das Projekt durchgezogen werde, signalisierte er nach den Protesten erstmals Gesprächsbereitschaft. Er schlug einen runden Tisch mit den Gegnern des Pektes vor. Bereits im September wolle er sich erstmals mit Kritikern des Milliardenvorhabens zum Meinungsaustausch treffen, erklärte Grube am Freitagabend in Stuttgart. „Wir müssen uns jetzt wie erwachsene Leute verhalten.“ Allerdings werde er für die Zusammenkünfte etwa mit dem Grünen-Fraktionschef Winfried Kretschmann und dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) keine Bedingungen akzeptieren.
Zuvor hatte er gesagt, dass ihn die Proteste zwar „nicht kaltlassen“, dennoch sei er „zutiefst davon überzeugt, dass Stuttgart 21 richtig ist“. Alles andere würde die Bahn und die Region Stuttgart um eine „einmalige Chance berauben“. Grube erhebt dem Bericht zufolge zudem schwere Vorwürfe gegen die Kritiker. In dem Brief schreibt der DB-Chef, dass er zwar sachliche Sorgen und Argumente ernst nehme, doch häufig würden „Dinge behauptet, die nachweislich falsch sind und offenbar nur dem einen Zweck dienen, das Projekt kaputt zu reden“. Einen Abbruch der Bauarbeiten schloss er aus.
Besetzer unterbrachen Abriss
Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster (CDU) warb in einem offenen Brief an seine Mitbürger für das Projekt. Es trage zur Zukunftsfähigkeit der Stadt, der Region und des Landes bei, betonte er. „Stuttgart 21 dient unseren Kindern und Enkelkindern.“ Den Demonstranten schrieb er ins Stammbuch, er habe kein Verständnis für Scharfmacher, die zur Radikalisierung beitrügen.
Freitagfrüh hatte die Polizei eine Sitzblockade von Gegnern des Milliardenprojekts auf dem Hauptbahnhof beendet. Die Beamten trugen etwa 30 Demonstranten weg. Sie hatten Lastwagen daran gehindert, Abbruchmaterial abzutransportieren. Bereits am Donnerstag waren die Arbeiten bis zum Nachmittag blockiert worden, weil Demonstranten das Dach des Nordflügels besetzt hatten. Ein Sondereinsatzkommando hatte sie nach 22 Stunden abgeführt.
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Publiziert am 28.08.2010