Themenüberblick

Ein Galerist über die „eigene Form der Kommunikation“

Nicholas Platzer betreibt die Urban-Art-Galerie „Inoperable“, die erste Adresse für urbane Kunstformen in Wien. Kunst auf Mauern rechtfertigt er im Interview mit ORF.at so: „Ich will mitentscheiden dürfen, was auf den Wänden meiner Stadt zu sehen ist. Ich bin ein Mitglied der Gesellschaft.“

ORF.at: Street-Art hat längst kaum noch etwas mit Graffiti zu tun - stimmt dieser Eindruck?

Nicholas Platzer: Street-Art ist einfach viel öffentlicher. Es ist eine eigene Form der Kommunikation. Street-Art-Künstler wollen ein großes Publikum erreichen und agieren im öffentlichen Raum. Dort spielt sich zwar auch Graffiti ab, kommt aber trotzdem aus seiner Blase nicht heraus. Man muss einfach lernen, wie man diese typischen Graffiti-Styles lesen kann. Manchmal kann man zwar die Buchstaben lesen, dann weiß aber wieder niemand - wozu schreibt hier jemand seinen Namen hin? Street-Art hat einen anderen künstlerischen Anspruch. Man will seine Kunst im öffentlichen Raum zeigen. Das kann natürlich auch kryptisch sein. Aber es spricht normalerweise ein größeres Publikum an.

StickerwandORF.at/Simon HadlerStickerwand in der Galerie Inoperable

Eine Schablonenarbeit und ein Tag (Namensschriftzug im Graffiti, Anm.) richten auf einer Wand denselben Schaden an. Aber Schablonen sprechen die Leute mehr an. Das sind normalerweise Fotos, etwa von Celebrities. Man versteht sofort, was das sein soll. Dann kann jeder selbst interpretieren, wieso sich das gerade dort befindet. Es wird eher toleriert als ein Graffiti-Tag. Da liegen die beiden Kunstrichtungen weit auseinander.

ORF.at: Graffiti ist ja nur ein Teil des Hip-Hop, neben DJing, MCing und Breakdance. Ist Street-Art auch so ein Teil einer größeren Kultur?

Platzer: Es gibt Links, aber nicht so sehr wie bei Hip-Hop. Jene, die sich für Street-Art interessieren, kommen aus ganz unterschiedlichen Hintergründen, die hören elektronische Musik, Hip-Hop, Rock oder Jazz. Man kann kein Street-Art-Festival machen, wo man nur die eine Musik spielt, die allen gefällt. Street-Art ist komplett offen für alle. Street-Art-Künstler sind sehr open minded. Sie arbeiten im Design, in der Architektur, überall.

Bei Graffiti ist das aber mittlerweile ähnlich, die kommen auch aus unterschiedlichen Bereichen. Sie werden halt immer noch so gesehen, als Teil von Hip-Hop. Das stimmt aber so nicht mehr.

ORF.at: Fühlen sich Street-Art-Künstler als Teil einer Bewegung? Oder trifft man sich nur bei Festivals und hat sonst keine Verbindung?

Platzer: Es gibt eine sehr enge Community. Du kannst um die ganze Welt reisen, ohne wirklich jemanden persönlich zu kennen. In jeder Stadt gibt es jemanden, der Street-Art macht, Poster, Wandmalereien, Aufkleber oder Schablonen oder was auch immer. Du wirst immer einen Platz zu schlafen haben. Ich habe eine ganze Weltreise so gemacht - und nur Leute getroffen, die ich von Fotolog, Flickr oder MySpace kannte, Facebook gab es da noch nicht. Du bist auf Social-Networking-Sites unterwegs, findest gute Arbeiten, trittst mit den Leuten in Kontakt und sagst einfach: „Hey, ich bin in zwei Wochen in Santiago de Chile, kann ich bei Dir übernachten?“ Die Antwort wird garantiert sein: „Cool, cool, cool, kein Problem.“ Dann wird man dort gemeinsam etwas machen, Kunst austauschen und dann weiterziehen, vielleicht noch mit einem Tipp, bei wem man in der nächsten Stadt übernachten kann.

Heute passiert das alles übers Netz. Eine Community gab es schon früher, wenn man sich alte Graffiti-Filme wie „Style Wars“ anschaut. Keine Ahnung, wie die zueinander in Kontakt getreten sind. Sie haben sich dann jedenfalls echte, richtig entwickelte Fotos mit Briefen geschickt. Das entspricht ja auch der Idee von Graffiti. Auf einen Zug zu sprühen ist besser, als auf eine Wand zu sprühen. Wenn Du eine Wand in der Bronx anmalst, sehen das nur die Leute dort. Mit dem Netz ist es ähnlich, das Netz fährt herum wie ein Zug, viele Leute können die Arbeiten dort sehen.

An die Wand gesprayter Text: Your Space has been invadedORF.at/Simon HadlerInvasion im öffentlichen Raum - hier in der Zentrale des Black River Festivals

ORF.at: Ändert sich die Szene, weil Street-Art-Künstler jetzt langsam in die Museen wandern, Sachen verkaufen?

Platzer: Es werden ganz einfach die Käufer mutiger und experimentierfreudiger und investieren auch in Street-Art. Man sieht eben an Künstlern wie Banksy, dass da auch was reinkommen kann. Wenn so jemand etwas auf Dein Haus malt, wird es mehr wert. Jeder sieht sich plötzlich irgendein Schloss in Glasgow an, auf das drei berühmte Street-Art-Künstler gemalt haben. Das Schloss kannte vorher keiner. Die wurden eingeladen, um dort zu malen. Es gibt also durch die neue Öffentlichkeit Möglichkeiten für die Künstler, zu arbeiten, die sie vorher nicht hatten.

ORF.at: Gibt es Spannungen in der Szene, weil manche meinen, Street-Art sollte nicht in einem kommerziellen Rahmen stattfinden?

Platzer: Solche Diskussionen gibt es natürlich immer. Die Künstler arbeiten aus unterschiedlichen Gründen. Es gibt jene, die sehr links sind, die entsprechende Schablonenarbeiten verbreiten. Für die geht es um die politische Message. Und dann gibt es Leute, die brauchen Kohle. Am Ende zählt, ob jemand wirklich für diese Form von Kunst lebt. Nach einer Zeit merken die Leute das. Wenn Du einmal für ein Monat irgendwo Poster aufhängst und dann gleich nur noch Sachen für Galerien machst, verlierst du jede Art von Street Credibility. Diese Glaubwürdigkeit ist für Street-Art-Künstler von großer Bedeutung.

In der Community ist es so: Du kannst Ausstellungen machen, auch so richtige Blockbuster-Shows, solange Du draußen auch noch unterwegs bist. Wenn Du auf der Straße nichts mehr machst, bist Du kein Street-Art-Künstler mehr. Es gibt viele Künstler die sich Street-Art-Künstler nennen, aber seit Jahren nichts mehr auf der Straße machen. Da kann man zu ihnen nur sagen: „Bursche, Du warst vielleicht mal Street-Artist, aber Du bist es nicht mehr.“ Diese Verpflichtung zum Arbeiten im öffentlichen Raum hält diese Kunstform so lebendig.

ORF.at: Seit wann gibt es Street-Art in Wien? Seit den 80er Jahren?

Platzer: So richtig eher erst seit Anfang der 90er Jahre. In Wien ist ja immer alles mit einiger Verspätung angekommen. Das erste Graffiti, das ich als Kind überall in ganz Wien gesehen habe, zeigte das Wort „Blowjob“. Immer und überall: „Blowjob“. Ich habe meine Mama gefragt: „Was ist ein Blowjob?“ Und sie hat nur gemeint: „Sag dieses Wort nie wieder!“ Also wusste ich: Das muss etwas Interessantes sein.

Von den richtigen Street-Art-Künstlern im Sinn von dem, was wir heute darunter verstehen, war Busk einer der Ersten. Er ist Österreicher, hat das ca. 2001 nach Wien gebraucht und als erster Poster gemacht. Er hat als erster ein eigenes Icon entwickelt. Er hat das wahrscheinlich aus Magazinen und aus dem Netz und von seinen Reisen und war davor schon Graffiti-Künstler. Er hat begonnen, sein Icon mittels Sticker zu verbreiten.

Das kam international von Leuten wie Shepard Fairey - der wohl international der Erste war. Da gab es damals keine Bedeutung, außer die eigene Marke zu verbreiten. Man sollte seinen Namen so oft sehen wie das Coca-Cola-Logo. Nur, dass er damals kein Geld verdienen wollte. Heute verkauft er, so viel er kann.

Neben Busk gab es ganz früh noch Keramik, der hat seine Rabbits gesprüht, wird aber eher der Graffiti-Hall-of-Fame zugerechnet. Später kamen dann viele andere. Ich habe meine Urban-Art-Galerie hier Anfang 2006 eröffnet. Ich mache hier zehn Ausstellungen pro Jahr, früher waren es sogar zwölf. Diese Verkaufsausstellungen helfen den Künstlern, die ja nicht von ihrer Kunst leben können. Die meisten machen ihre Sachen am Abend und in der Nacht. Untertags gehen sie arbeiten, zum Beispiel als Grafikdesigner. Wenn sie das wollen, ist das in Ordnung. Wir versuchen ihnen hier zu helfen, mit ihrer Kunst Geld zu machen, schon alleine, um ihre Materialien zu finanzieren.

ORF.at: Eigentlich könnten sich die Künstler ihre Probleme mit der Polizei sparen, wenn sie nur für Galerien oder fürs Museum arbeiten würden. Geht es ihnen darum, draußen den öffentlichen Raum einzunehmen, der sonst mit Werbung zugepflastert ist?

Platzer: Es gibt Künstler, die machen es nur aus diesen politischen Gründen. Als ich noch als Künstler gearbeitet habe, war das einer meiner Gründe. Es hat mich gestört, dass die ganze Stadt mit Firmenlogos dekoriert war und mit Werbungen. Es ging immer nur darum, etwas zu verkaufen. Der Begriff heißt „öffentlicher Raum“. Aber eigentlich dürfen wir da nur sehen, was wir kaufen sollen. Ich bezahle Steuern. Ich will mitentscheiden dürfen, was auf den Wänden meiner Stadt zu sehen ist. Ich bin ein Mitglied der Gesellschaft.

Wieso ist es nicht okay, ein Graffiti auf einen Zug, Bus oder eine Hauswand zu sprühen, wenn es okay ist, dass riesige Coca-Cola-Werbungen zu sehen sind? Es gibt ja zwischen Graffiti und Werbung eine starke Wechselwirkung. Graffiti versucht dort hinzugehen, wo die Werbung ist, und die Werbung versucht, dort hinzugehen, wo Graffiti ist. Tele.ring arbeitet zum Beispiel auf Wänden mit Schablonen. Das hat ein Graffiti-Künstler gemacht.

ORF.at: Ist das nicht verboten?

Platzer: Das nennt sich Reverse Graffiti und wurde von einem Typen in Brasilien erfunden. Der hat eine Graffiti-Wand gereinigt - das konnte ja niemand verbieten. Dann arbeitete ein Brite nach demselben Prinzip: Wenn man eine Schablone auflegt und durch Reinigen einen eigenen Schriftzug freilegt - also quasi mit der Bürste schreibt - hat man ja selbst nichts verschmutzt. Das ist eine Art von Urban Marketing, das ist für die Firmen von Interesse. Der urbane Markt ist umkämpft, viele Firmen arbeiten deshalb mit Urban-Art-Ästhetik. PlayStation zum Beispiel und Hummer. Sogar für den Film „Borat“ wurden Künstler engagiert, um Schablonenarbeiten in Berlin zu verbreiten. Aber wenn Du so eine normale Schablonenarbeit auf deinem Haus vorfindest, kannst Du die Firma klagen. Bei den Reinigungsgraffitis gibt’s hingegen praktisch keine Illegalität.

ORF.at: Aber ruiniert das für Street-Art-Künstler nicht den Spaß, dass ihre Kunstform jetzt so von Firmen vereinnahmt wird?

Platzer: Natürlich. Aber der Underground wird immer von den großen Firmen aufgesaugt. Die wollen immer haben, was neu und frisch ist.

ORF.at: Wie weit ist dieser Prozess des Corporate Takeover bei der Urban Art fortgeschritten?

Platzer: Sobald ein neuer Künstler auftaucht, kommen auch schon die Firmen auf ihn zu. Das ist ja ihr Job, immer cutting edge zu sein. Nike und auch anderen Schuhmarken geht es zum Beispiel sehr um die urbanen Märkte. Man braucht sich das nur bei den Fixed Gear Bicycles, den Fixies, also Rädern ohne Gangschaltung und Bremsen, anzuschauen. Alle Firmen versuchen, auf diesen Zug aufzuspringen. Carhartt ist zum Beispiel so eine Firma, die immer nach allem sucht, was gerade neu und cool ist.

ORF.at: Und das, was diese Firmen dann daraus machen - finden Street-Art-Künstler das cool? Würden sie jemals etwas von so einer Firma kaufen?

Platzer: Ja, wenn das eine Firma ist, die in Ordnung ist, schon. Wenn sie die Künstler, die bei ihnen mitmachen, gut behandeln, ist das kein Problem. Nur wenige Künstler sind da ganz puristisch und sagen: „Das geht gar nicht.“ Wenn Carhartt ein T-Shirt mit einem Design von einem meiner Lieblingskünstler herstellt, und ich weiß, dass Carhartt gute Kunst macht und im Großen und Ganzen die Künstler gut behandelt, hätte ich kein Problem damit, ein T-Shirt zu kaufen.

Es gibt auch Firmen, die die Künstler schlecht behandeln. Die nehmen einfach Designs und zahlen gar nichts dafür. Oder die Künstler müssen den Firmen zumindest ewig für ihr Geld nachrennen. So etwas ist lächerlich - wenn ein Künstler einer Riesenfirma wegen 200 Euro nachrennen muss. So eine Firma verliert ihre Street Credibility. Von der würde ich nichts mehr kaufen.

Das Gespräch führte Simon Hadler, ORF.at

Links:

Publiziert am 01.10.2010