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„Alles, nur das nicht!“

Auf offener Straße (und mittlerweile auch in Galerien) findet das statt, was man seit knapp zehn Jahren unter Street-Art versteht, und das hat mit Graffiti nicht mehr allzu viel gemein. Beide finden im öffentlichen Raum statt, aber Graffiti war lange Zeit ganz eng an die Hip-Hop-Kultur gebunden.

Die charakteristischen Schriftzüge können bis heute meist nur von einer eingeschworenen Community entschlüsselt werden. Das ist der Hauptunterschied, sagte Nicholas Platzer (alias 401Rush), der im siebenten Wiener Gemeindebezirk die Galerie Inoperable betreibt, die erste Adresse für Street-Art in Wien. Die neue Form von Straßenkunst sei viel offener.

Riesengraffiti auf einem alten SpeicherORF.at/Simon HadlerKunstwerk von BLU am Alberner Hafen (Black River Festival)

Street-Art

Wandbilder, Schablonenarbeiten, Plakate, Sticker, Installationen, Performances, Interventionen und Aktionen im öffentlichen Raum. International die berühmtesten Vertreter: Banksy und Shepard Fairy (von letzterem stammt das ikonenhafte Obama-Hope-Bild). Österreich: Busk und Deep Inc.

Ein Beispiel dafür ist das Riesenkunstwerk des 29-jährigen Künstlers BLU im Alberner Hafen. Jeder, der auf der A4 aus Wien hinaus- oder nach Wien hineinfährt, sieht auf einer ehemaligen Fabrikshalle ein gut 20 Meter hohes, weißes Gesicht, dessen Augen von der Eisenspange eines gelben Vorhängeschlosses durchbohrt sind, das dick und schwer den Mund der Figur verdeckt. Neben dem Gebäude ein Turm aus verrostetem Stahl - die ganze Szenerie eine schaurige, arbeitsplatzentleerte Ruine des Industriezeitalters samt grellem Kommentar. Platzer sagte, bei Street-Art könne jeder für sich selbst interpretieren, wieso sie sich gerade dort befindet, wo man sie sieht.

Street Credibility

Hinweis

Black River Festival, noch bis 6. Oktober. Festivalzentrale auf dem Vorgartenmarkt.

BLUs Kunstwerk ist Teil des „Black River Festivals“, das die halbe Stadt zu einem Ausstellungsraum macht und heuer bereits zum zweiten Mal die wichtigsten Protagonisten der internationalen Szene nach Wien holt. Sie haben Wände etwa auf dem Vorgartenmarkt und entlang des Donaukanals gestaltet, was dem ursprünglichen Street-Art-Gedanken entspricht, nämlich den öffentlichen Raum dem Kommerz zu entreißen: Kunst und Dialog statt Kaufaufforderungen. Der Organisator des Festivals, Sydney Ogidan, sagte, manche der Künstler wären nicht einmal gekommen, wenn es Sponsoren gegeben hätte. Auch der Galerist Platzer meinte, ein Teil der Szene sei streng antikapitalistisch eingestellt. Und wer nicht zumindest auch auf der Straße arbeitet, verliert ohnehin seine Street Credibility.

Graffiti von Know HopeORF.at/Simon HadlerKunstwerk von Know Hope auf dem Wiener Donaukanal (Black River Festival)

Von der Straße in die Galerie

Hinweis

Street and Studio. Von Basquiat bis Seripop, 25.6. bis 20.10.2010., Kunsthalle Wien, Museumsplatz 1, MuseumsQuartier, 1070 Wien.

Aber der Trend, dass die Street-Art Richtung Galerie und Museum wandert, lässt sich nicht aufhalten, meint Ogidan - und zwei aktuelle Ausstellungen in Wien belegen es. Die eine, in der Kunsthalle, rollt das Thema geschichtlich und von seinen Ursprüngen her auf und zeigt Fotos von Graffiti von den späten 60er Jahren an, Basquiat wird als Star der Ausstellung gefeiert und Kunstwerke von Banksy werden gezeigt, der sich ja längere Zeit in Wien aufgehalten hat - seine Schablonenarbeiten sieht man jetzt noch mancherorts.

Hinweis

Escape 2010. 1.10. bis 24.10., Vordere Zollamtsstraße 3, 1030 Wien.

Die andere, Escape 2010 in Wien Landstraße, hat sich Arbeiten aktueller internationaler Künstler geholt - aber eben auf das Areal der Ausstellung. Die Ausstellungsmacher schreiben in einem Statement über den White Cube, also den Ausstellungsraum: „Die Spontaneität und Guerilla-Attitüde der – häufig illegalen – Arbeit im Außenraum übertragen sich auf die Werke für den White Cube und verleihen ihnen eine innere Spannung und Dringlichkeit, die ‚etablierte Kunst‘ zuweilen vermissen lässt.“

Überklebtes Plakat an einer StraßenbahnhaltestelleORF.at/Simon HadlerKunst als Kommerzkritik: Überklebte Werbung in Wien

Kunst und Kommerz

So weit sind die Street-Art-Künstler ohnehin nicht von den „etablierten“ entfernt. Die meisten von ihnen, sagen Ogidan und Platzer übereinstimmend, hätten einen akademischen Kontext, zumeist Kunst oder Architektur. Die Street-Art lässt sich zwar heute noch nicht in Schulen einteilen, aber Einflüsse aus den verschiedensten Richtungen der Bildenden Kunst sind nicht zu übersehen.

Schneller als die Kunstinstitutionen ist - wie so oft - der Kommerz beim Einverleiben von Underground-Strömungen. Firmen, die höchsten Wert auf ein urbanes Image legen, wie etwa Nike oder Carhartt, verwenden Street-Art im Produktdesign und in ihren Werbungen und PR-Aktionen. Solange sie die Künstler gut behandeln, sagte Platzer, geht das für die meisten Protagonisten der Szene, von den bereits genannten Puristen abgesehen, okay. Nur, wenn die beteiligten Künstler über den Tisch gezogen würden, verliere eine solche Firma in der Community an Glaubwürdigkeit.

Gewaltakte im Straßenkampf

Und so etwas spricht sich schnell herum, denn die Community ist gut vernetzt. Auch wenn man keine gemeinsame Kultur wie Hip-Hop hat, die Street-Art ist das verbindende Glied. Man kommuniziert über die Social Networks im Web, sieht die Arbeiten der anderen und trifft sich bei Festivals. Platzer hat schon eine ganze Weltreise hinter sich - und dabei nur Leute besucht, die er aus dem Netz kennt. Vor Ort macht man dann gemeinsam Aktionen, bis man weiterzieht.

BLU, der aus Bologna kommt, war das ganze letzte Jahr nur eine Woche lang zu Hause. Den Rest der Zeit wurde er von Festival zu Festival weitergereicht. Dabei ist seine Arbeit physisch höchst anstrengend. Mit Hilfe einer Hebebühne malte er das Gebäude am Alberner Hafen an - eine fünf Meter lange Teleskopstange in der Hand, deren Ende, eine Rolle, er in schwere Farbe eintauchte. Drei Tage hielt er das durch, bis das Gemälde fertig war. Die Hafenarbeiter, berichtete Ogidan, wären beeindruckt gewesen und hätten zu ihm gesagt: „Wenn’st einmal eine Hack’n brauchst, kann’st kommen.“

Graffiti mit dem Wort Türkiye und einer FigurORF.at/Simon HadlerKunstwerk des Spaniers Sam3 auf dem Vorgartenmarkt (Black River Festival)

Der Kick dabei

Wird man für so etwas nicht bald einmal zu alt? In der Szene gibt es Künstler, die 60 Jahre alt und älter sind. Mit John Fekner nimmt einer am Black River Festival teil. Und fängt einen nicht irgendwann die Illegalität vieler der Aktionen zu nerven an? Über dieses Thema redet verständlicherweise niemand in der Szene gerne. Nur so viel: Neben dem politischen Statement der Raumnahme ist genau das der Kick. Und wer sich nicht blöd anstellt, wird auch nicht erwischt. Man kann im Anzug und mit Aktenkoffer an die Arbeit gehen. Und was ist mit Kapuzenpullis und Schlabberhosen? „Alles, nur das nicht! Außer Du willst Wickel mit der Polizei oder drehst ein Video.“

Simon Hadler, ORF.at

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Publiziert am 01.10.2010