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Der Kindle und die Konkurrenz

Einmal mehr versuchen Buchhandel und Verlagsbranche auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, Lesesysteme für elektronische Texte unters Volk zu bekommen. Der in den USA beheimatete Händler Amazon ist Vorreiter bei den integrierten Angeboten aus digitalem Vertriebssystem und Lesegerät. ORF.at hat einen Blick auf Amazons E-Book-Reader der dritten Generation und dessen Umfeld geworfen.

Ende Juli stellte der US-Händler Amazon die dritte Generation des Standardmodells seines Lesegeräts Kindle vor, die Auslieferung der ersten Geräte erfolgte im September. Den Kindle 3 mit 6"-Display (15,24 cm Diagonale) gibt es in zwei Versionen: Das mit 189 US-Dollar etwas teurere Modell verfügt sowohl über eine 3G-Mobilfunkverbindung als auch über ein WLAN-Modul, die Basisvariante kostet nur 139 US-Dollar, hat aber kein Mobilfunksystem eingebaut.

E-Book-Reader Kindle 3

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Kindle 3 (l.) und Kindle 2 (r.)

Inklusive Transportkosten und Zoll kommt das teurere Modell beim derzeitigen Umrechnungskurs auf rund 195 Euro, das günstigere auf rund 155 Euro. Amazon liefert die Geräte auch aus den USA nach Österreich, das dauert - Verfügbarkeit vorausgesetzt - etwa eine Woche.

Der aktuelle Kindle ist zwar etwas dicker, ansonsten aber kompakter als sein Vorläufer. In der Breite fehlen ihm etwa zehn Millimeter, in der Höhe etwa zwölf Millimeter auf die Maße seines Vorgängers. Die kompakteren Maße haben auch zur Folge, dass die Schutzhüllen zwischen den beiden Kindle-Generationen nicht kompatibel sind - das gilt auch für das separat erhältliche Cover mit ausziehbarer Leselampe.

E-Book-Reader Kindle 3

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Kindle 3 mit ausgefahrenem LED-Leselicht

Die Öffnungen für die Verbindungshaken des Covers liegen beim neuen Kindle weiter auseinander als beim alten. Wer von Version 2 auf Version 3 umsteigen will, muss also auch ein neues Cover kaufen. Unbedingt notwendig ist der Kauf eines solchen allerdings nicht, denn beide Kindle-Varianten sind ausreichend gut verarbeitet, so dass sie auch ohne Schutzhülle den Transport in Koffer oder Rucksack gut überstehen.

Die kompakteren Abmessungen fallen im Lesealltag kaum ins Gewicht. Nur die seitlich angebrachten Tasten zum Vor- und Zurückblättern sind beim neuen Modell wesentlich schmaler ausgefallen als beim Vorgänger. Statt zehn sind sie nur noch fünf Millimeter breit und für Zeitgenossen mit großen Händen doch etwas zu zierlich ausgefallen.

Dafür haben alle Tasten auf dem Kindle 3 einen etwas angenehmeren Anschlag als jene auf dem Vorläufergerät. Wo vorher die Kontakte hörbar hart knackten, sind die Bedienungselemente nun besser gedämpft. Die Gehäuseoberfläche besteht aus robustem Kunststoff, der sich angenehm anfühlt. Der Kindle 3 ist mit 240 Gramm etwas leichter als sein Vorgänger, der 290 Gramm auf die Waage brachte.

Wer den Kindle 2 häufig genutzt hat, muss sich bei der Bedienung umgewöhnen. Der Hauptschalter liegt nun nicht mehr rechts oben, sondern an der unteren Gerätekante, gleich neben Lautstärketaster, 3,5mm-Stereo-Klinkenbuchse und Micro-USB-Anschluss. Die häufig benutzte „Home“-Taste ist von der rechten Gehäusekante nach unten an die Tastatur gewandert.

E-Book-Reader Kindle 3

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Der Controller des Kindle 3 (l.) ist weniger präzise als der Joystick des Kindle 2

Rechts neben der Tastatur finden sich auch der Knopf zum Aufrufen des Menüs und die „Back“-Taste sowie der überarbeitete Fünf-Wege-Controller zur Steuerung des Cursors. Letzterer ersetzt den Mini-Joystick, der im Kindle 2 zum Einsatz kam, und ist leider weniger präzise zu bedienen als sein Vorgänger - hier hat Amazon an der falschen Stelle gespart. Speziell bei der Navigation im Text gerät man sehr schnell vom Controller auf die „Back“-Taste.

Beim E-Ink-Display hat der Hersteller aber dafür nicht gegeizt. Amazon hebt hervor, dass es gelungen sei, den Kontrast gegenüber dem Schirm des Vorläufermodells um 50 Prozent zu steigern. In der Tat ist der Hintergrund des Kindle-3-Bildschirms merklich heller als jener seines Vorläufers. Vor allem ist er aber beim „Umblättern“, also bei der Erneuerung des Bildschirminhalts, wesentlich schneller als der des Kindle 2. Insgesamt sorgt das, in Kombination mit der matten Oberfläche des Schirms, für ein angenehmeres Leseerlebnis.

Synchronisieren via Whispernet

Dank eingebauten WLAN-Moduls können nun auch Kunden in Österreich vom Kindle auf das Web zugreifen. Über UMTS-Verbindung lassen sich laut offiziellen Angaben von Amazon nach wie vor nur die Einkaufs- und Synchronisationsfunktionen des Kindle-Netzwerks Whispernet sowie die englischsprachige Wikipedia nutzen.

Der Kindle 3 verfügt über einen Webbrowser, der, wie Apples Safari und Googles Chrome, auf der Rendering-Engine Webkit basiert und sich über das „Experimental“-Menü aufrufen lässt. In einem ersten Test zeigte dieser zwar die angesteuerten Websites in deren gewohntem Layout an (freilich in Schwarzweiß), allerdings wurden beim Scrollen ab und zu Bildschirminhalte versetzt wiederholt, auch die Navigation im Web mit dem neuen Fünf-Wege-Steuerkreuz ist, je nach Komplexität des Website-Layouts, immer noch mühsam und hakelig.

Mühsamer Umgang mit PDFs

Im Test mit Softwareversion 3.0 fror der Kindle-Browser wiederholt ein, das System erzwang dann nach jeweils rund einer Minute einen Neustart des Geräts. Unter Version 3.1, die automatisch übers Internet eingespielt wird, tauchte dieser Fehler nicht wieder auf.

Ähnlich mühsam wie die Navigation im Web ist auch der Umgang mit PDF-Dateien, denn bei diesen steht das Layout fest, und dem Nutzer bleibt bei größeren Formaten nur mühsames Scrollen. Beim Kindle 3 lässt sich das vorinstallierte englische Wörterbuch nun auch in PDFs aufrufen, allerdings ist es in diesen schwierig, die zu erklärende Textstelle zu treffen, da sich der Cursor nicht präzise genug steuern lässt.

Verbindung mit Facebook und Twitter

Der Kindle 3 lässt sich auch mit Facebook und Twitter verbinden. Der Nutzer kann beispielsweise einen Abschnitt in einem Buch markieren und - WLAN-Verbindung vorausgesetzt - mit einem Knopfdruck eine Kurznachricht auf Twitter veröffentlichen. Dort erscheint aber nicht der markierte Text selbst, sondern ein Link, der zur Website von Amazon führt, wo das Zitat aus dem Buch dann angezeigt wird. Der Nutzer kann auf diese Weise nicht nur markierte Textabschnitte an die Sozialen Netzwerke übermitteln, sondern auch kurze Notizen zu bestimmten Stellen im Buch.

Der Kindle 3 verwaltet die Netzwerkverbindung weitestgehend selbst. Findet er kein ihm bekanntes WLAN, aktiviert er automatisch das UMTS-Modul. Einkaufen, Abfrage der englischsprachigen Wikipedia via UMTS sowie die Kurznachrichten an Facebook und Twitter sind in Österreich freigeschaltet und gratis, der Nutzer bezahlt für die Mobilfunkverbindung nichts. Die Buchdateien in Amazons proprietärem Format sind winzig und in Sekundenschnelle übertragen. Der Händler rechnet vor, dass in den vier GB großen Speicher des Kindle 3 rund 3.500 Bücher passen.

E-Book-Reader Kindle 3

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Bedienelemente und Schnittstellen des Kindle 3 (v. l. n. r.): Lautstärkeregler, Kopfhöreranschluss, Mikrofon, Micro-USB-Anschluss, Hauptschalter

Beim Lesen empfiehlt es sich, die Funkmodule auszuschalten, denn sie verkürzen die Laufzeit des fest eingebauten Lithium-Ionen-Akkus. Im gemischten Betrieb mit sporadischer Webnutzung, dem Einkauf von Büchern via Whispernet, ab und zu aktivierter Leselampe und täglich zweistündiger Lektüre hielt der Akku über zwei Wochen durch. Das E-Ink-Display verbraucht nur beim „Umblättern“ Energie.

Mindestens so wichtig wie die Hardware sind jedoch die verfügbaren Inhalte. Auf seinem Heimatmarkt punktet Amazon mit seinem großen Angebot an verfügbaren Titeln. Deutschsprachige E-Books gibt es bisher im Angebot des Marktführers kaum. Von Österreich aus lassen sich statt der in den USA angebotenen über 700.000 Titel immerhin noch rund 470.000 E-Books bestellen, dazu kommen noch Kindle-Versionen von Zeitungen wie der „New York Times“, Magazinen wie „Time“, „The Atlantic“ und der deutschen „Wirtschaftswoche“.

No „Freedom“

Die Mediendateien sind mit einem Kopierschutz (DRM) versehen. Amazon „merkt“ sich die Einkäufe, und der Nutzer kann ein Buch auch auf mehrere angemeldete Geräte übertragen, Amazons Kindle-Lesesoftware läuft auch auf Windows-PCs, Macs, Apple-Mobilgeräten und Android-Smartphones. Eine Funktion zum Verleihen geschützter E-Books an Freunde gibt es nicht.

Auf europäischer Seite gibt es speziell im aktuellen Angebot aus lizenzrechtlichen Gründen Lücken, beispielsweise ist Jonathan Franzens aktueller Roman „Freedom“ bisher nur für US-Nutzer des Kindle verfügbar. Einkaufen im Kindle Store ist denkbar einfach. Der Nutzer geht über das Hauptmenü in den Shopping-Modus und kann dann das Angebot nach Stichwörtern durchsuchen. Die meisten halbwegs aktuellen Kindle-Titel in der Abteilung Belletristik kosten um die 14 US-Dollar, abgerechnet wird in US-Währung über die im deutschen Amazon-Nutzerkonto angegebene Bezahloption.

Kostenloser Konverter

Liegt ein E-Book einmal nicht im Mobipocket-Format vor, lässt es sich problemlos mit der freien E-Text-Verwaltungssoftware Calibre konvertieren, die für Windows, Mac OS X und Linux erhältlich ist. Amazon unterhält auch einen kostenpflichtigen Dienst, mit dem sich bestimmte Dateiformate für die Verwendung auf dem Kindle über Whispernet auf das Lesegerät übertragen lassen.

Der Vorleser

Außer den DRM-geschützten Buch- und Zeitungsdateien kann der Kindle 3 auch Dateien in den Formaten TXT, PDF, HTML und DOC (MS Word) darstellen. Wichtig ist, dass der Kindle auch ungeschützte Dateien im Mobipocket-Format (.MOBI) darstellen kann. Damit kann der Nutzer beispielsweise gemeinfreie Klassiker, die das US-Projekt Gutenberg und andere E-Text-Initiativen kostenlos im Netz bereitstellen, auf dem Kindle problemlos lesen. Der Nutzer kann die Dateien auf den PC herunterladen und dann über das mitgelieferte Micro-USB-Kabel auf den Kindle kopieren. Dieser meldet sich am Rechner einfach als USB-Massenspeicher an, die Installation eines Treibers oder einer Spezialsoftware sind nicht dazu erforderlich.

Auch mit Audiodateien in den Formaten Audible und MP3 kann der Kindle 3 umgehen, so lassen sich Hintergrundmusik und Hörbücher über Kopfhörer oder die eingebauten Lautsprecher genießen. Der Kindle kann auch Bücher vorlesen, bei denen diese Funktion freigegeben ist - und das gar nicht so schlecht. Auch ein kleines Mikrofon hat der Kindle 3 eingebaut, allerdings ist dieses in der derzeitigen Version der Kindle-Software laut Handbuch noch ohne Funktion.

Bei der Lektüre der E-Books kann der Kindle-Nutzer auch Notizen zu bestimmten Textstellen anfertigen. Diese werden in einer separaten TXT-Datei auf dem Gerät abgespeichert, so dass sich die kurzen Texte dann auch auf dem PC einfach weiterverarbeiten lassen. Da es im Textfluss der E-Books keine Seitenzahlen gibt, werden von der Notizfunktion „Positionen“ im Text referenziert. Der Kindle speichert alle vom Nutzer angefertigten Notizen - auch zu verschiedenen Büchern - in einer einzigen Textdatei unter dem Titel „My Clippings“. Über einen entsprechenden Menübefehl lässt sich eine Notiz darüber hinaus auch an Twitter und Facebook übermitteln, auch über UMTS.

Fazit

Schon der Kindle 2 war ein ausgereiftes Gerät, sein Nachfolger ist insgesamt noch etwas besser, vor allem das neue WLAN-Modul ermöglicht es Kunden außerhalb der USA endlich, die Netzwerkfunktionen des Geräts zu nutzen. Auch das Display des Kindle 3 ist einen Tick besser als jenes des Vorläufers, Amazon hat das Gerät behutsam überarbeitet und sich dabei auf die wesentlichen Aspekte konzentriert. Das E-Ink-Display eignet sich zur ruhigen Lektüre ungleich besser als der hintergrundbeleuchtete Schirm gängiger Tablet-Computer. Dazu kommt, dass der Kindle im Betrieb weder heiß noch laut wird.

Lässt man sich auf den Kindle ein, kauft man das derzeit wohl am weitesten fortgeschrittene E-Book-System, allerdings muss man dann mit den Nachteilen des Kopierschutzes leben, auch die Erinnerung an die über zentrale Fernlöschung von allen Kindles entfernten Dateien nicht autorisierter George-Orwell-Bücher im Juli 2007 hinterlässt noch einen unguten Nachgeschmack.

Die Konkurrenten

Dem Kindle-System fehlen zum Durchbruch hierzulande noch die deutschsprachigen Inhalte. Diese wiederum verspricht die deutsche Buchhandelskette Thalia, die im Oktober mit ihrem System OYO an den Start gehen will. Das Gerät verfügt über einen 6"-Touchscreen mit E-Ink-Technologie und ein WLAN-Modul. Im Gegensatz zu Amazon setzt Thalia auf das E-Book-Format ePub, das beispielsweise auch Google Books verwendet. Mit dem OYO will Thalia auch einen neuen E-Book-Store vorstellen. Das Gerät kostet 139 Euro.

Auf der Frankfurter Buchmesse zeigt auch die deutsche Handelsplattform libreka eine Auswahl an E-Ink-Lesegeräten und Tablet-Rechnern, die mit dem dortigen E-Book-Angebot kompatibel sind.

Der Bertelsmann-Konzern ging zum Start der Buchmesse mit seinem Onlinekiosk Pubbles in der Betaversion ans Netz. Ein eigenes Lesegerät bietet Bertelsmann nicht an, wohl aber eine Anwendung für Apples iPad. Als Kopierschutz kommt auf Pubbles das DRM-System von Adobe zum Einsatz, die Kunden müssen sich vor Nutzung der geschützten Bücher bei dem US-Softwarekonzern registrieren.

Vorsichtiger Digitalisierungsoptimismus

Der deutsche Branchenverband BITKOM, der gemeinsam mit der Buchmesse die E-Book-Initiative „Frankfurt Sparks“ unterhält, zeigt sich auf Grundlage seiner jüngsten Webumfrage optimistisch. Demnach erwäge jeder zweite Deutsche derzeit den Kauf eines E-Books.

Gemäß einer Studie, die der Börsenverein des deutschen Buchhandels Ende September veröffentlichte, spielen E-Book-Downloads und Soziale Netzwerke bei der Kundschaft allerdings „noch keine große Rolle“, wie es in einer Mitteilung des Verbandes heißt. Im März 2009 veröffentlichte der Börsenverein eine Zusammenfassung der Ergebnisse einer Untersuchung der Marktforschungsfirma Kirchner + Robrecht, nach der bis spätestens 2015 die für den Erfolg kritische Schwelle von drei Millionen verkauften E-Readern in Deutschland erreicht sein könnte. Privatkunden würden dann im Schnitt fünf bis 20 E-Books pro Jahr erwerben.

In der regelmäßigen Branchenstatistik des Marktforschers GfK werden E-Books mangels Bedeutung bisher allerdings immer noch nicht erfasst.

Günter Hack, ORF.at