Themenüberblick

Streit über die Deutungshoheit

Im Jänner 2001 riefen die US-Amerikaner Jimmy Wales und Larry Sanger die Online-Enzyklopädie Wikipedia ins Leben. Zehn Jahre später sind dort rund 17 Millionen Artikel in mehr als 260 Sprachen verfügbar. Das freie Lexikon ist ein großer Erfolg, und gerade deshalb ist seine Geschichte voller Konflikte.

Wales kam 1966 in Alabama als Sohn eines Gemischtwarenhändlers und einer Lehrerin zur Welt. Bereits als kleiner Bub habe er einen enormen Wissensdurst gehabt und in Nachschlagewerken wie der Britannica oder der World Book Encyclopedia geschmökert. Unterrichtet wurde er zunächst von seiner eigenen Mutter, deren Privatschule nach dem Montessori-Prinzip geführt wurde. Später studierte Wales, der von seinen Freunden „Jimbo“ genannt wird, Finanzwissenschaften und arbeitete einige Jahre als Händler an der Börse in Chicago.

1996 gründete Wales die Firma Bomis, über die er Erotikbilder im Netz verkaufte. Er verfolgte aber weiter die Idee eines offenen Lexikons im Internet. 2000 startete er gemeinsam das Online-Informationsprojekt Nupedia, aus dem die Wikipedia hervorgehen sollte. Als dessen Chefredakteur fungierte der Philosoph Larry Sanger, auf dessen Vorschlag die Wiki-Software im Unternehmen eingeführt wurde - ursprünglich zur Unterstützung der Nupedia.

Technische Grundlagen

Technische Grundlage der Wikipedia ist eine Hypertextplattform nach dem Wiki-Prinzip, das ab 1995 von dem US-Programmierer Ward Cunningham entwickelt wurde. Wiki bedeutet „schnell“ auf Hawaiianisch. Das System ermöglichte es auch Laien ohne große technische Vorkenntnisse, einfach Texte im Netz zu erstellen und miteinander zu verknüpfen. Seit 2002 läuft die Wikipedia auf der Plattform MediaWiki, die unter der Open-Source-Lizenz GPLv2 steht.

Auch was die Lizenz angeht, unter der die Inhalte der Wikipedia stehen, greift das Projekt auf die langjährigen Erfahrungen der freien und offenen Softwareszene zurück. Die Wikipedia-Artikel stehen unter der GNU-Lizenz für freie Dokumentation (GNU FDL). Diese sorgt dafür, dass jeder die Texte aus der Wikipedia nehmen und für eigene Zwecke verändern kann, allerdings muss dabei der Autor genannt werden und das Ergebnis selbst wieder unter der GNU FDL stehen. Außer dieser Lizenz kommen auf der Wikipedia seit 2008 auch die freien Creative-Commons-Lizenzen zum Einsatz. Ergänzt wird die Wikipedia durch die Mediendatenbank Wikimedia Commons, in der sich Millionen von Bildern, Videos und Audiodateien finden.

Streit unter den Gründern

2002 zerstritten sich die beiden Wikipedia-Gründer, Sanger verließ das Projekt, weil er Expertenwissen darin nicht ausreichend gewürdigt sah. Der Philosoph gründete daher 2006 die freie Online-Enzyklopädie Citizendium, die durch Registrierung der Autoren mit deren echten Namen und Qualitätsprüfungsprozessen verlässlicheres Wissen bieten möchte als die Wikipedia. Citizendium zählt derzeit 15.371 Artikel und befindet sich noch im Beta-Stadium.

Wales, der sich seither als alleiniger Gründer der Wikipedia sieht, gründete 2003 die gemeinnützige Wikimedia-Stiftung und übertrug ihr Namensrechte und Server. Das Projekt finanziert sich über Spenden. Hierzulande kümmert sich seit Mai 2008 der Verein Wikimedia Österreich um die Unterstützung der freien Enzyklopädie, der deutsche Schwesterverein existiert bereits seit 2004.

2004 gründete Wales gemeinsam mit Angela Beesley das Unternehmen Wikia, das eine Plattform für Diskussionsgemeinschaften bereitstellt und nach Wales’ Auskunft derzeit profitabel ist. Die Wikipedia selbst solle, so Wales, unkommerziell und werbefrei bleiben.

Kämpfe um die Relevanz

Mit dem schnellen Wachstum und der exzellenten Platzierung der Wikipedia-Artikel in den wichtigsten Suchmaschinen verstärkte sich auch die Kritik an dem freien Enzyklopädieprojekt. Zuerst erweckten - wie am Beispiel Larry Sanger ersichtlich - das Prinzip der egalitären und anonymen Mitarbeit (oder Sabotage) sowie die Qualität und Verlässlichkeit der Inhalte Argwohn. Die Wikipedia-Administratoren haben darauf mit der Einführung technischer und organisatorischer Schutzmaßnahmen gegen Vandalismus reagiert, so lassen sich Artikel zu umstrittenen Themen nur von erfahrenen Nutzern bearbeiten.

In jüngerer Zeit und vor allem im deutschen Sprachraum ist dagegen die Kritik an der Handhabe der Relevanzkriterien durch den „harten Kern“ der Wikipedia-Administratoren gewachsen. Die Frage, ab wann ein Thema es wert ist, zu einem eigenen Eintrag in der Enzyklopädie zu werden, ist oft nicht leicht zu beantworten.

Die Debatte eskalierte im Herbst 2009 in Deutschland, als der Eintrag über den Verein MissbrauchsOpfer gegen InternetSperren (Mogis) inmitten der damals tobenden Diskussion über die Einführung von Netzsperren als irrelevant aus der Wikipedia gelöscht wurde. Prominente Mitglieder der deutschen Internetcommunity wie das Berliner CCC-Mitglied Felix von Leitner warfen den Wikipedia-Admins vor, die Relevanzkriterien zu restriktiv zu handhaben.

Nachverfolgte Manipulationen

Dass auch zahlreiche Prominente und Organisationen die Wikipedia-Artikel über sich selbst zu schönen versuchten, deckte 2007 das von dem Programmierer Virgil Griffith erstellte System WikiScanner auf, der die auf der Wikipedia offen angezeigten Internetadressen anonymer Beiträger mit den bekannten Adressbereichen großer Organisationen abglich. So versuchten Angestellte des Wahlmaschinenherstellers Diebold, des Energiekonzerns Exxon und der CIA die ihnen gewidmeten Einträge zu modifizieren.

Die Wikipedia-Admins wandeln auf einem schmalen Grat. Wenn sie die Kriterien für Mitarbeit und Qualität zu stark anheben, laufen sie in Gefahr, das erfolgreiche Konzept der freien Mitarbeit zu beschädigen. Gleichzeitig müssen sie die Inhalte vor Vandalen und PR-Eingriffen bewahren, denn die Wikipedia-Autoren haben ihrer Site bei aller Kritik eine so starke Stellung als Online-Nachschlagewerk erarbeitet, dass die Enzyklopädie auch in den kommenden Jahren eine bevorzugte Plattform für Kämpfe um die Deutungshoheit von Begriffen bleiben wird.

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