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Diktat der „alten Männer“

An den Protesten in Ägypten, die am Ende Langzeitpräsident Hosni Mubarak zum Sturz brachten, sind Frauen maßgeblich beteiligt gewesen. Das passte so gar nicht in das westliche Klischee der muslimischen Frau, die sich öffentlich nicht artikuliert.

Dabei waren es nicht nur Städterinnen der gebildeten Oberschicht, die tagelang auf dem zentralen Tahrir-Platz in Kairo für ihre Anliegen demonstrierten. Die Protestbewegung habe „Ägyptens zornige Frauen“, schrieb die deutsche „Welt“ noch während der Demonstrationen in Kairo. Quer durch alle sozialen Schichten - „Bäuerinnen und Intellektuelle, Reiche und Arme, Hausfrauen aus Mittel- und Oberschicht“ seien sie geeint gewesen. „Sie stehen auf dem Tahrir-Platz und verteidigen ihre Vorstellung vom Leben.“

Zu der gehört nicht nur der Wunsch nach demokratischen Reformen, sondern auch der nach tatsächlicher Gleichberechtigung. Entsprechend hoch sind die Erwartungen vieler Ägypterinnen an die neue Zeit nach Mubarak.

Gleiche Rechte auf dem Papier

Frauen waren schon laut der alten Verfassung Männern gleichgestellt. Das Frauenwahlrecht war in dem nordafrikanischen Land 1956 noch unter Staatspräsident Gamal Abdel Nasser eingeführt worden. Tatsächlich besteht Gleichberechtigung in vielen Lebensbereichen aber nur auf dem Papier.

In Ägypten gebe es mehr Frauen in Führungspositionen als in manchem westeuropäischen Land, betonte die ägyptische Politologin Hoda Salah kürzlich in einem Interview mit dem Deutschlandradio, aber: „Das Problem ist, das ist dieser Sarkasmus, dass sie eine gleichberechtigte Bürgerin sind, aber wenn sie nach Hause gehen, sind sie die untergeordnete, gläubige Muslimin oder Christin, die ihrem Mann gehorsam sein soll, und das ist die Spannung.“

Patriarchale, konservative Gesellschaft"

In diesem Punkt unterscheide sich das Land übrigens kaum von anderen arabischen Staaten, auch nicht vom Nachbarn Israel. Dabei sei es relativ egal, ob Frauen nun Musliminnen oder Christinnen seien, so die Politikwissenschaftlerin. „Die Situation ist leider ähnlich, weil die ägyptische Gesellschaft eine sehr patriarchalische, konservative Gesellschaft ist“, so Salah. Religion werde in diesem Zusammenhang bestenfalls instrumentalisiert. Es müssen also vor allem politische Veränderungen her, aber nicht nur.

„Wenn das Familienrecht nicht säkular ist, wenn Polygamie, die sexuelle Promiskuität der Männer im Namen der Religion und die Herrschaft der Männer in der Familie nicht abgeschafft werden, was werden wir verändert haben?“, fragte Ägyptens prominenteste Feministin Nawal al-Saadawi kürzlich in einem Interview mit der „Welt“. Die „Kultur, die Normen und die Moral müssen sich ändern“. Die 79-jährige Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin war unter Mubaraks Amtsvorgänger Anwar al-Sadat inhaftiert und musste wegen Morddrohungen islamischer Extremisten Jahre im US-Exil verbringen.

Keine Frau im Verfassungskomitee

Ganz und gar nicht einverstanden ist Al-Saadawi mit der Zusammensetzung des Verfassungskomitees, das die Voraussetzungen für Neuwahlen schaffen soll, vor allem weil darin nur „alte Männer“ und Religiös-Konservative säßen. Auch ägyptische Bürgerrechtsgruppen übten zuletzt scharfe Kritik am Ausschluss von Frauen aus dem Verfassungskomitee. Das werfe die Frage auf, ob sich das Land wirklich zu einer Demokratie wandeln könne, hieß es in einer von 60 Bürgerrechtsorganisationen und Einzelpersonen unterzeichneten Erklärung.

„Habe das Recht mitzuarbeiten“

Zahlreiche Ägypterinnen hätten sich aktiv an der Revolution beteiligt, viele seien festgenommen worden oder verschwunden. „Sie haben das Recht, am Aufbau der ägyptischen Nation mitzuarbeiten“, lautet nun die Forderung. Die Ausgrenzung von Frauen sei eine „inakzeptable Marginalisierung der Hälfte der Gesellschaft“.

Die Politologin Salah ist trotzdem optimistisch: Zum einen habe die Protestbewegung unterschiedlichste Gruppen von Frauen – religiöse und liberale – zusammengeführt. Zum anderen habe sich gezeigt: „Die Frauen sind wieder auf der Straße und sie kämpfen, kämpfen neben den Männern.“ Das sei auch ein Signal, mit dem sich das islamistische Lager werde auseinandersetzen müssen, im Fall Ägyptens die Muslimbruderschaft. Die Politikwissenschaftlerin sieht aber auch noch aus einem anderen Grund eine gute Chance auf eine neue Ära für die Frauen. Das Erstarken des religiös-konservativen Lagers sei ein Phänomen der letzten 15 Jahre gewesen, Ägypten sei traditionell ein säkulares Land.

Unter Mubarak „Horizont verengt“

An diesen Punkt erinnerte kürzlich auch die „Süddeutsche Zeitung“: Zwar seien die ländlichen Gebiete – und damit steht Ägypten nicht nur im Nahen Osten nicht alleine da – nie so weltoffen gewesen „wie Kairo oder Alexandria in ihren besten Tagen“, aber unter Mubarak „hat sich der Horizont des gesamten Landes verengt. Vor 40 Jahren trugen die Frauen auf dem Tahrir-Platz kurzärmelige Kleider, heute sind neun von zehn Musliminnen verschleiert.“

Mubaraks Regime habe sich als „säkularer Vorposten im Kampf gegen den radikalen Islam“ inszeniert, gleichzeitig aber den reaktionären Islam im Land gestärkt. Frauenrechtlerin Al-Saadawi will nun überhaupt alle Artikel, die sich in irgendeiner Form an islamisches Recht (Scharia) anlehnen, aus der neuen ägyptischen Verfassung verbannt sehen. Zuallererst werde sie aber „daran arbeiten, die ägyptische Frauen-Union zu gründen“.

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