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Die „Milliarden-Dollar-Frage“

Das Einspringen für die libyschen Lieferausfälle hat die zentrale Bedeutung der Erdölgroßmacht Saudi-Arabien wieder in Erinnerung gerufen. Doch auch das Königshaus in Riad blickt immer nervöser auf die Protestwelle in der arabischen Welt. Der Grund: Auch in dem dank Ölmilliarden bisher stabilen Land regt sich Widerstand gegen die Herrscherfamilie.

Die zunehmende Verunsicherung zeigt sich etwa darin, dass König Abdullah bin Abdelasis, der die Umstürze in Tunesien und Ägypten noch von einer US-Klinik aus mitverfolgte, seinen Untertanen unmittelbar nach seiner Ankunft einen wahren Geldregen versprach. Außer Frage steht, dass die 36 Milliarden Dollar schweren, offiziell als Entlastung für die steigenden Lebenshaltungskosten angekündigten Zuwendungen nicht zuletzt auch als Mittel gegen aufkeimende Demokratieforderungen herhalten sollen.

Saudi-Arabiens König Abdullah

Reuters

König Abdullah ist seit 2005 an der Macht. In einem Familienrat steht derzeit die Frage über den Nachfolger des gesundheitlich angeschlagenen 86-jährigen Monarchen auf der Agenda.

Doch der größte Nutznießer der staatlichen Zuwendungen ist die weit verzweigte, mehrere tausend Mitglieder zählende königliche Familie. Diesen Schluss lassen Dokumente der US-Botschaft zu, die der Enthüllungsplattform WikiLeaks zugespielt wurden. Den diplomatischen Depeschen ist zu entnehmen, wie sich etliche der ohnehin mit üppigen Apanagen ausgestatteten Mitglieder des Herrscherhauses zusätzlich bereicherten.

„Tag des Zorns“ auch im Königreich

Prinz Talal bin Abdelasis, ein Halbbruder von Abdullah, warnte zuletzt in einem BBC-Interview bereits offen vor der Gefahr von Unruhen auch in Saudi-Arabien. Nur dringend benötigte Reformen könnten die Lage wieder beruhigen.

Ähnlich wie zuvor schon in mehreren arabischen Staaten riefen Regierungsgegner zu Protesten für Freitag, den saudi-arabischen „Tag des Zorns“, auf.

Prinz will „Dialog“ statt Protesten

Nach Worten von Außenminister Prinz Saud al-Faisal kann ein politischer Wandel in dem autoritär regierten Wahhabiten-Königreich nur durch Dialog und nicht durch Proteste erreicht werden. Der Neffe von König Abdullah verwies erst am Mittwoch darauf, dass außerdem die Religion des Landes Demonstrationnen als Verletzung des Koran verbiete.

Im Osten des Landes war es in den vergangenen Tagen wiederholt zu kleineren Demonstrationen der schiitischen Minderheit gekommen. Entwicklungen wie in Ägypten oder Tunesien gelten jedoch als unwahrscheinlich, da der Lebensstandard in dem ölreichen Land deutlich höher als in den Nachbarstaaten ist.

„Enge des Wahhabiten-Regimes“

Nach Ansicht des deutschen Nachrichtenmagazins „Spiegel“ steht Saudi-Arabien trotzdem vor der Frage, ob sich Stabilität noch weiter erkaufen lässt. Das Magazin verwies zuletzt auf die gut ausgebildete saudische Jugend, die dank flächendeckenden Zugangs zu Internet und westlichem Fernsehen „die Bigotterie und Enge des Wahhabiten-Regimes und Arbeitslosigkeit als besonders drückend“ empfinde. Mit Blick auf die täglichen Öleinkünfte von rund einer Milliarde Dollar sei die Frage, ob jetzt auch Saudi-Arabien folge, die „Milliardenfrage der arabischen Revolution“.

Saudi-Arabien wird seit dem Tod des Reichsgründers Abdelasis bin Saud vor 58 Jahren von Söhnen des ersten Königs regiert. Im Vorjahr hatte Abdullah seinen ältesten Sohn Prinz Mitab (Mutaib) (57) zum Staatsminister ernannt und ihm das Oberkommando der Nationalgarde übergeben, die er selbst 48 Jahre befehligt hatte. Die Herrscherfamilie Saud umfasst rund 30.000 Mitglieder. Gegründet wurde das Königreich 1932 nach der Vertreibung der (heute noch in Jordanien regierenden) Haschemiten-Dynastie aus Mekka und der Vereinigung der Fürstenstaaten Nedschd und Hedschas.

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