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Letzte Hürden fallen weg
Studien gehen von 15.000 bis 25.000 Menschen aus, die neu in Österreich Arbeit suchen dürften. „Die Welt wird am 2. Mai so sein wie am 30. April“, meint etwa Wirtschaftskammer-Präsident Christoph Leitl. Wie auch der ÖGB verweist er auf das Anti-Dumping-Gesetz, das sicherstellen soll, dass es zu keiner „Billigstkalkulation“ in Betrieben kommen werde, vor der etwa FPÖ und BZÖ warnen.
Nur noch der letzte Schritt
Die Öffnung der Grenzen am 1. Mai betrifft genau genommen nur noch das letzte Drittel des heimischen Arbeitsmarktes. Denn schon bisher wurden schrittweise Bereiche liberalisiert. Erst durften Schlüsselkräfte ins Land, dann Saisonarbeiter in Landwirtschaft und Fremdenverkehr, Pfleger, Metaller und schrittweise Arbeiter für gut 60 weitere Mangelberufe.
17.000 Bewilligungen habe das Arbeitsmarktservice (AMS) für Arbeitsuchende aus den acht osteuropäischen EU-Staaten vergeben, davon gut die Hälfte an Ungarn - und interessanterweise etwa die Hälfte für Köche. Geht man davon aus, dass die Angst der Österreicher mehr die Integration der Zuwanderer als die Verdrängung im Job betreffe, gebe es wenig Anlass zur Sorge, meint AMS-Chef Johannes Kopf.
Tagespendler statt echter Zuzug?
Das AMS rechnet damit, dass der Großteil der neuen Arbeitskräfte in der Region Wien und Niederösterreich Jobs findet, ebenfalls ein großer Teil im Burgenland und der Steiermark. Man geht davon aus, dass ein gehöriger Teil davon Tagespendler sein werden, so das AMS gegenüber ORF.at. Man erwarte eher Personen mit geringerer und mittlerer Qualifikation, da Fachkräfte schon in den letzten Jahren nach Österreich kommen durften.
Der Bevölkerungswissenschaftler Rainer Münz rechnet dagegen eher damit, dass es sich wie schon bisher um besser ausgebildete als um ungelernte Arbeitskräfte handeln wird. Ein weiterer positiver Effekt könnte auch die Legalisierung von Beschäftigungen sein, dass also bisher illegal in Österreich Arbeitende angemeldet werden. Das sei vor allem im Bau- und im Gastgewerbe denkbar.
Schreckte formale Hürde ab?
Auch eine WIFO-Studie im Auftrag des Sozialministeriums geht davon aus, dass drei Viertel der Arbeitsmigranten aus Osteuropa gut qualifiziert sein werden - auf Matura- oder Facharbeiterniveau. Jeweils ein Achtel werde einen Hochschulabschluss bzw. nur Pflichtschulabschluss haben. Der Zuzug nach der Arbeitsmarktöffnung wird aber nicht reichen, um den Facharbeitermangel in Österreich zu decken, sagten Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) und WIFO-Chef Karl Aiginger in einer gemeinsamen Pressekonferenz.
Von der Wirtschaftskammer heißt es auf Anfrage von ORF.at, dass jetzt auch die formale Hürde der Ausländerbeschäftigungspapiere wegfällt, die auch Höherqualifizierte vielleicht abgeschreckt hatte.
Mehr Personal für Pflege?
Davon könnten noch einmal Mangelberufe wie die Pflege profitieren. In welchen Branchen Arbeitskräfte aus den Nachbarländern Jobs finden werden, sei aber schwer abzuschätzen, meinen Experten. Für Menschen mit geringerer Qualifikation seien freilich die Baubranche und der Tourismus „aufnahmefähig“.
Beim AMS weist man in Sachen Pflege darauf hin, dass hier vor allem diplomiertes Personal fehle. Zwar biete man auch Weiterbildungskurse für bereits in der Branche Tätige an, gerade hier gebe es aber ein zweites Problem: die finanzielle Ausstattung, die der Gesetzgeber zur Verfügung stellt, heißt es vonseiten des AMS gegenüber ORF.at.
Eine im März vorgestellte Studie des Österreichischen Bildungsinstituts für Berufsbildungsforschung (öibf) im Auftrag der GPA-djp kommt zudem zum Schluss, dass für Berufe wie Pflege, die in Österreich stark nachgefragt sind, es auch in Ungarn, Tschechien und der Slowakei einen hohen Bedarf gebe. Durch die neue Freizügigkeit könnten manche sogar motiviert werden, aus Österreich in ihre Heimat zurückzukehren, weil sie sich sicher sein könnten, jederzeit wieder in Österreich einen Job annehmen zu können.
Öffnung zu spät?
Mit positiven Effekten auf die Wirtschaft rechnet Timo Baas vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der deutschen Bundesagentur für Arbeit. Über zehn Jahre dürfte sich ein positiver Nettoeffekt von 900 Mio. Euro einstellen.
Österreich - wie auch Deutschland - hätte ruhig schon 2009 den Arbeitsmarkt öffnen können, so Baas. Die deutschsprachigen Länder geraten durch die spätere Akzeptanz von Arbeitskräften aus den acht Staaten, die 2004 der EU beigetreten sind, gegenüber Großbritannien und Irland ins Hintertreffen. Viele Migrationswillige sind schon weg, Englisch hat als Fremdsprache gegenüber Deutsch gewonnen. Auch habe das britische Bildungssystem einen besseren Ruf als das deutsche, das locke besonders motivierte und bildungsorientierte Menschen auf die Insel.
Insgesamt werde die Auswirkung der offenen Arbeitsmärkte überbewertet, meint Baas. Die Migration nach der Osterweiterung der EU habe in keinem der inzwischen 27 Staaten zu dramatischen Effekten geführt.
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Publiziert am 18.04.2011