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Verschwindende Reisebegleiter

„Dafür gibt’s ja schon eine App“, hat der Tech-Blogger Jason Kottke im September 2009 geschrieben. Seine Überlegung: Das iPhone könnte durch seine Integration zahlreicher Funktionen ganze Gadget-Industrien überflüssig machen. Durch das Aus des Videokameraherstellers Flip sah sich Kottke nur bestätigt. Doch gilt seine Prophezeiung auch für andere Geräte?

Zuallererst sah Kottke das „normale“ Mobiltelefon gefährdet. Schließlich beherrsche das iPhone alles, was ein herkömmliches Handy auch könne. Die Zahlen für das Jahr 2010, die das Marktforschungsunternehmen Gartner im Februar veröffentlicht hat, stützen diese Annahme.

Während der weltweite Verkauf von Mobiltelefonen um 31,8 Prozent auf rund 1,6 Milliarden Geräte gewachsen sei, habe der Absatz von Smartphones (Symbian-Geräte eingeschlossen) um 72,1 Prozent zugenommen und sei nun für 19,1 Prozent der Verkäufe verantwortlich. Allein Apples iPhone-Verkäufe seien um 87,2 Prozent gewachsen, das Plus bei Android-Geräten betrug gar 888,8 Prozent.

Der subventionierte Konkurrent

Eine wichtige Einschränkung gibt es jedoch: Das Smartphone-Wachstum konzentriert sich hauptsächlich auf die Märkte in den entwickelten Staaten. So seien 52,3 Prozent der weltweit verkauften Smartphones in Nordamerika und Westeuropa verkauft worden, wo sie mittlerweile rund die Hälfte aller neu gekauften Geräte ausmachten, so Gartner.

In den Industrienationen sei auch das Datennetz weit genug entwickelt, um den Kauf eines Smartphones zu rechtfertigen. Apropos Kauf: Eine entscheidende Rolle bei der Durchsetzung von Smartphones spielt außer der Definition, was man unter einem solchen versteht, natürlich das Geschäftsmodell, also ob das Gerät im Vertrag inbegriffen ist oder nicht.

IPhone statt iPod

Dass Smartphones nach und nach die mobilen MP3-Player ersetzen, ist wahrscheinlich. Seit 2008 gehen die jährlichen Verkäufe an iPods zurück. Im vierten Quartal 2010 verkaufte Apple erstmals mehr iPhones (14,1 Mio.) als iPods (9,05 Mio.), allerdings drehte sich das Verhältnis im Weihnachtsgeschäft 2010 wieder um: 16,2 Millionen iPhones stehen hier 19,45 Millionen iPods gegenüber. Die Marktsättigung dürfte bei MP3-Playern höher sein als bei Smartphones.

Smartphone vs. Digicam

Kottke argumentierte, dass die neuen Smartphones mit ihren eingebauten Kameramodulen auch kompakte Digicams ersetzen würden. Obwohl das zunächst logisch klingt, hat sich dieser Trend zumindest in Österreich nicht manifestiert, der heimische Nikon-Chef Wolfgang Lutzky führte zuletzt im Februar im Gespräch mit ORF.at den für dieses Jahr erstmals zu erwartenden Rückgang der Kompaktkameraverkäufe eher auf Marktsättigung zurück als auf den Smartphone-Boom.

Die japanische Fotoindustrievereinigung CIPA verzeichnete für 2010 für Digicams ein Produktionsplus von 13,2 Prozent (DSLRs: 30 Prozent). Mit ihren optischen Zooms und größeren Sensoren werden kompakte Digicams auch weiterhin neben den Smartphones ihre Existenzberechtigung haben - auch wenn ihnen bisher ab Werk die Netzwerkverbindung fehlt, die zunehmend wichtiger wird.

Verschwindet der PC?

Auch den PC selbst sah Kottke durch die Smartphones in Gefahr - wenn der User unterwegs mit dem iPhone im Web surfe, bleibe das Notebook häufiger zu Hause. Einer neuen Gartner-Studie zufolge sollen tatsächlich Smartphones und Tablets für den Rückgang von 1,1 Prozent auf dem weltweiten PC-Weltmarkt im ersten Quartal 2011 verantwortlich sein.

Laut aktuellen Zahlen des Marktforschers DisplaySearch wuchs aber der Markt für Notebooks im vergangenen Jahr um 30 Prozent, 2011 soll die Zahl der verkauften Mobilrechner noch um 27 Prozent auf 277,7 Millionen Geräte steigen. Schuld an dem gebremsten Wachstum seien aber nicht die Smartphones, sondern Tablets wie Apples iPad und das Motorola Xoom.

Diese hätten nämlich die in den vergangenen Jahren so beliebten Mininotebooks in der Gunst der Konsumenten abgelöst. In diesem Jahr soll die Zahl der verkauften Tablets um 150 Prozent auf 52,4 Millionen Geräte wachsen. Da sich die Märkte in den Schwellenländern erholten, rechnet DisplaySearch weiter mit starkem Wachstum bei den Notebooks. In den entwickelten Ländern differenziert sich der Endgerätemarkt mit den neuen Tablets einfach stärker aus, ein vollständiger Ersatz des PCs durch Smartphones ist wohl kaum zu erwarten.

Super Marios Schwanengesang

Kottkes Vorhersage, dass das iPhone mit seinem riesigen Reservoir an günstigen Games im App Store in starke Konkurrenz zu mobilen Spielekonsolen treten würde, trifft da schon eher zu. Vor allem Branchenprimus Nintendo hat mit Verkaufsrückgängen seiner Mobilkonsole DS zu kämpfen.

Unlängst konterte das Unternehmen mit dem Modell 3DS, das auf einem Bildschirm 3-D-Effekte ohne Zuhilfenahme einer Brille bietet. Ob diese technische Besonderheit in Kombination mit den bewährten Spieletiteln reichen wird, um den Smartphone-Games Konkurrenz zu machen, bleibt abzuwarten.

Eine aktuelle Analyse der US-Beratungsfirma Flurry zeigt aber, dass der Marktanteil der Spiele auf iOS und Android von 2009 auf 2010 von fünf auf acht Prozent des Game-Gesamtumsatzes gewachsen ist - auf Kosten der mobilen Konsolen, denn auch der Marktanteil der Spiele für stationäre Konsolen konnte leicht von 71 auf 76 Prozent zulegen. Betrachtet man nur den Umsatz der Spiele für Mobilkonsolen, so sind iOS und Android von 19 auf 34 Prozent gewachsen, die PlayStation Portable von elf auf neun Prozent geschrumpft und Nintendos DS von 70 auf 57 Prozent.

Plattform für E-Books

Auch Amazons Kindle stand stellvertretend für alle Lesegeräte mit E-Ink-Bildschirm auf Kottkes Abschussliste. Leider gibt Amazon keine Verkaufszahlen für den Kindle heraus, aber das Gerät ist bereits in der dritten Generation.

Der Anteil von E-Books auf dem Gesamtmarkt liegt in den USA laut Aussage des US-Verlegerverbandes Association of American Publishers derzeit bei acht Prozent und 440 Millionen Dollar (304 Mio. Euro), Tendenz steigend. Als wichtigste Lesegeräte nennt der Verband Kindle und iPad - für längere Lektüre ist der Bildschirm auch des besten Smartphones wohl einfach zu klein. Die verschiedenen Geräte ergänzen sich wohl eher, anstatt sich zu ersetzen.

Eine Frage des Formats

Die Flip-Kamera scheiterte letztlich aufgrund jener Eigenschaften, die sie populär gemacht haben: Der einfache technische Aufbau und die simple Bedienbarkeit - beides konnte leicht von den Smartphone-Herstellern imitiert und integriert werden. Davon abgesehen bietet auch jede Digicam heute eine Videofunktion.

Gadgets, die aber nicht ins Format des Smartphones passen, wie die E-Reader und Tablets mit ihrer Bildschirmgröße oder Digicams - ein Smartphone mit Zoomoptik würde wohl schnell zu groß und zu schwer werden - sind aber noch relativ sicher davor, durch iPhone & Co. obsolet gemacht zu werden. Außerdem haben Smartphones das Problem aller All-in-one-Geräte: Wenn eine Komponente kaputt ist, muss gleich das ganze Gerät in Reparatur.

Günter Hack, ORF.at

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