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„Möglichkeit, Ängste zu überwinden“

Bisher wurde alles darangesetzt, um Kinderspielplätze immer sicherer zu machen. Nun überraschen neue Studien mit Ergebnissen, die den wachsenden Sicherheitsbestrebungen völlig widersprechen. Statt die vermeintlich gefährlichen Klettergerüste zu entfernen, fordern Wissenschaftler wieder mehr Mut zum Risiko.

In vielen Ländern - allen voran den USA - verschwinden immer öfter Schaukeln, Karusselle, Kletterstangen und Rutschen von Kinderspielplätzen und werden durch niedrigere Klettertürme mit sicheren Plattformen, Geländer und rutschfesten Oberflächen ersetzt. Dadurch sind die Unfälle natürlich stark zurückgegangen, doch Experten zweifeln die Sinnhaftigkeit dieses Trends an.

Zu viel Sicherheit schreckt Kinder ab

Spielplätze mit immer niedrigeren Geräten auszustatten komme vielleicht Kleinkindern entgegen, bei größeren Kinder führe das aber zu negativen Konsequenzen, erklärt David Ball, Professor für Risikomanagement an der Londoner Middlesex-Universität gegenüber der „New York Times“ („NYT“). „Ältere Kinder werden durch zu viele Sicherheitsmaßnahmen davon abgehalten, sich auf Spielplätzen auszutoben. Sie suchen sich gefährlichere Plätze oder lassen die gesunde Bewegung gleich ganz bleiben.“

„Klettergerüste sind großartig“

„Kinder brauchen auf Spielplätzen die Möglichkeit, sich Risiken auszusetzen und ihre Ängste zu überwinden“, sagte auch Ellen Sandseter, Psychologin am norwegischen Queen Maude University College gegenüber der „NYT“. „Ich glaube, dass Klettergerüste und hohe Rutschen großartig sind“, so Sandseter weiter. Langweilige Spielplätze sind ihrer Auffassung nach sogar schlecht für Kinder, da sie die emotionale Entwicklung sogar hemmen können. Denn laut Sandseter brauchen Kinder eine aufregende Auseinandersetzung mit Höhe und Geschwindigkeit, um spätere Ängste zu überwinden.

Die sechs Gefahren der Spielplätze

Sandseter und ihr Team hatten Kinder auf Spielplätzen in Norwegen, England und Australien beim Spielen beobachtet und ihr Risikoerleben in sechs Kategorien eingeordnet: das Erforschen von Höhe, das Erleben von hoher Geschwindigkeit, der Umgang mit gefährlichen Gegenständen, die Nähe von gefährlichen Ereignissen (Feuer, Wasser), wildes Spielen (raufen) und das selbstständige Weggehen von einer erwachsenen Aufsichtsperson.

Das am häufigsten erlebte Risiko war in allen Fällen das Klettern und damit das Erleben großer Höhe. „Klettergerüste müssen hoch genug sein, sonst werden sie sehr schnell langweilig“, so Sandseter. „Kinder erforschen ihre Umgebung schrittweise, und nur ganz wenige Kinder klettern gleich beim ersten Mal bis ganz hinauf.“ Laut Sandseter ist es das beste, die Kinder schon von einem frühen Alter an diesen Herausforderungen auszusetzen.

Natürlich passieren auch Unfälle und Kinder verletzen sich beim Sturz von großen Höhen. Doch der Annahme vieler Eltern, dass Kinder, die einmal wo heruntergefallen sind, später häufiger an Höhenangst leiden würden, widersprechen die Ergebnisse aktueller Studien. Vielmehr stellte sich heraus, dass Kinder, die vor ihrem neunten Lebensjahr einmal wo heruntergefallen sind, als Jugendliche weniger häufig an Höhenangst leiden.

Kinder wenden „Anti-Phobien“-Methode an

Sandseter und ihr Kollege Leif Kennair von der Technisch-Naturwissenschaftlichen Universität in Trondheim erklären im Magazin „Evolutionary Psychology“ auch, warum diese Kinder später selbstsicherer mit der Höhe umgehen. Denn Kinder wenden bei ihrem Spielverhalten die gleiche Methode wie Psychotherapeuten bei der Behandlung von Angstpatienten an, indem sie sich langsam, Schritt für Schritt, immer gefährlicheren Situationen aussetzen.

Dieser „Anti-Phobien“-Effekt erklärt auch die bei Kindern stark ausgeprägte Bereitschaft, sich gefährlichen Situationen auszusetzen. Wer schon einmal mit Kindern auf einem Spielplatz war, weiß, wovon die Wissenschaftler schreiben. Dort klettern selbst die Kleinsten scheinbar furchtlos in schwindelnde Höhen und schaukeln so wild, dass vielen Eltern der Atem stockt.

Das Risiko, ohne Risiko aufzuwachsen

Aber warum suchen Kinder Gefahren, die sie eventuell sogar das Leben kosten könnte? Evolutionsgeschichtlich wäre so viel Risiko kontraproduktiv. Doch die Vorteile überwiegen die Gefahren. Denn diese Kinder sind später weniger ängstlich und entwickeln ein höheres Selbstbewusstsein. „Paradoxerweise führt gerade die Angst vor harmlosen Verletzungen zu ängstlicheren Kindern mit höherer Neigung zu psychischen Erkrankungen“, schreiben die Psychologen.

Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch australische Wissenschaftler die für ihre Studie „Safe outdoor play for young children“ („Sicheres Spielen im Freien für jüngere Kinder“) vor allem Spielplätze bei Volksschulen und Tagesbetreuungsstätten beobachteten. Das Ergebnis ist ernüchternd: Wenn Kinder nicht mehr die Möglichkeit zu aufregendem Spielverhalten haben, hat das nicht nur negative Auswirkungen auf ihre körperliche Fitness, sondern auch auf ihre soziale, emotionale und intellektuelle Entwicklung. Anita Bundy von der Universität von Sydney formulierte es so: „Es ist ein Risiko, wenn es kein Risiko mehr beim Spielen gibt.“

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