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Spielebranche setzt auf Gratiskultur

Geht man vom Besucheransturm am ersten Besuchertag der deutschen Spielemesse Gamescom in Köln aus, stehen der Spieleindustrie rosige Zeiten ins Haus. Die Umsatzzahlen sprechen allerdings eine andere Sprache. Entsprechend nervös sind vor allem große Anbieter.

Bereits am Mittwoch, der Fachbesuchern und der Presse vorbehalten ist, wälzte sich eine beachtliche Menschenmenge durch die Hallen des Kölner Messegeländes, am Donnerstag waren es bereits Massen. Die Messe Köln erwartet für heuer über eine Viertel Million Besucher, mehr als 2010. Damit hat die Industrie ihr selbst gestecktes Ziel, die Messe zu neuen Rekorden zu treiben, erreicht. Doch die Euphorie bleibt aus.

Menschen in der Messehalle

ORF.at/Nadja Igler

Fachbesucher zwischen den Messehallen der Gamescom

Hardwareverkäufe gehen zurück

Die Branche schwächelt an ihren bisher stärksten Pfeilern. Die Konsolenanbieter wie Sony und Nintendo verkaufen mangels neuer attraktiver Geräte weniger Hardware als in den Vorperioden. In Österreich etwa ging der gesamte Hardwareabsatz (in Stückzahlen) laut Daten des Branchenverbands ÖVUS um rund 14 Prozent zurück. PC- und Konsolenspiele legten (nach Stück) im Handel um rund ein Prozent zu, unterm Strich ergab das einen Umsatzrückgang um sechs Prozent. In den Vereinigten Staaten verbuchte die Industrie laut dem US-Marktforscher NPD mit 707,7 Millionen Dollar (minus 26 Prozent) im Juli den niedrigsten Umsatz seit 2006.

Rosige Zukunft prognostiziert

Das sind allerdings Momentaufnahmen, denn grundsätzlich soll der Spielemarkt bis 2015 deutlich wachsen. Laut dem US-Marktforscher Gartner sollen die Ausgaben für Spiele und Hardware in den nächsten vier Jahren von 74 Milliarden Dollar 2011 auf 112 Milliarden Dollar im Jahr 2015 steigen.

Software soll dann statt 60 Prozent nur noch rund die Hälfte des Umsatzes ausmachen, Onlinegaming statt 15 Prozent ein Viertel. Ein Fünftel des Softwaremarkts soll 2015 von mobilen Spielen, getrieben durch Smartphones und Tablets, besetzt sein.

Sofortmaßnahmen bei Sony und Nintendo

Um den Hardwaremarkt, den Grundstock für Softwareverkäufe im Konsolensegement, wieder anzukurbeln, haben Sony und Nintendo auf der Gamescom neue Konsolen und niedrigere Preise angekündigt.

Nintendos Wii etwa soll zu Weihnachten in Europa in einer überarbeiteten Version und damit auch günstiger auf den Markt kommen, das Unternehmen nannte noch keine offiziellen Preise. Die Wii büßt im Gegenzug Funktionen ein, wie auch Sonys billigere Mobilkonsole PlayStation Portable (PSP-E1000), die ohne WLAN auf den Markt kommt. Sony hat zudem seine PlayStation 3 weiter verbilligt - und kaufte sich sogar auf dem Kurznachrichtendienst Twitter einen Promoted Trend, um die Preissenkung zu bewerben. Beide Game-Platzhirsche wollen damit die Zeit bis zur Veröffentlichung ihrer nächsten Konsolen 2012 überbrücken.

Spielerin mit PS Vita

ORF.at/Nadja Igler

Sonys künftiger Hoffnungsträger PlayStation Vita im Einsatz

Free-to-Play is here to stay

Allerdings kämpfen nicht alle Teile der Games-Industrie mit Schwund, vor allem der Onlinesektor boomt. In Europa ist der Free-to-Play-Markt mit seinen kostenlosen Spielen, die sich über Zusatzverkäufe im Spiel oder auch Werbung finanzieren, besonders groß. Dem Onlinegaming sagt Gartner eine mehr als rosige Zukunft voraus, mit rund 27 Prozent Wachstumsraten bei den Ausgaben für Abos und den Microtransactions, den Kauf zusätzlicher Gegenstände vor allem in Spielen, die das Publikum mit kostenlosem Zugang locken. Gartner erwartet, dass die Abomodelle durch Free-to-Play deutlich zurückgedrängt werden, vor allem durch den Siegeszug der Social Games in Sozialen Netzwerken wie Facebook und Google+.

Beschränkte Möglichkeiten für Gratisspiele?

Die großen Spielenabieter folgen dem angekündigten Trend: Der Shooter-Spezialist Crytek hat für 2012 mit „Warfare“ ein Free-to-Play-Spiel auf Basis seiner Cryengine angekündigt - und unterstreicht damit den Trend, dass Free-to-Play-Games zunehmend auch optisch komplexer als reine Farming-Spiele werden. Crytek-Chef Cevat Yerli sieht in dem Free-to-Play-Modell die Zukunft, fast jedes Spiel lässt sich für Yerli in eine kostenlose Version umwandeln.

Michael Denny, Senior Vice President von Sonys Worldwide Studios, sieht das im Gespräch mit ORF.at etwas differenzierter. „Ich glaube nicht, dass sie derzeit 20 Millionen Euro Entwicklungskosten für ein großes Spiel über Free-to-Play wieder einspielen können.“ Free-to-Play sei aber auch nicht auf bestimmte Inhalte begrenzt. Es komme auf das investierte Budget an, das Spiel und seinen Inhalt und die angepeilte Zielgruppe, so Denny: „Wir sind offen für alle Wege der Monetarisierung.“

Neue Spieler, neue Einnahmen

Auch Sony arbeitet laut Denny an Free-to-Play-Spielen - das ist durchaus überraschend, lehnten doch die großen Hersteller das Konzept der kostenlosen Spiele noch vor kurzem als nicht gewinnbringend genug ab. Mittlerweile haben Anbieter wie Zynga und Wooga aber nachhaltig gezeigt, dass man mit wenigen zahlenden Kunden (je Spiel zwischen fünf und zehn Prozent) sehr gut verdienen kann. Microsoft und Ubisoft haben bereits nachgezogen, der Rest schickt sich an, noch rechtzeitig eine Karte für die Überfuhr zu lösen.

Für die Spielehersteller ist das ein Versuch, ihre Zielgruppe zu erweitern, und zwar um jene Leute, die sich keine 50 oder 70 Euro für ein neues Spiel (zuzüglich rund 200 Euro für eine Konsole) leisten wollen oder können - oder gar nicht auf die Idee kommen würden, sich als Spieler zu bezeichnen und entsprechende Hardware zu kaufen.

„Ohne Casualgamer kann man die Zielgruppe nicht erweitern, das ist schon immer so gewesen“, sagt auch Thomas Kritsch, in Österreich für Microsofts Spielekonsole Xbox 360 zuständig. Microsoft habe mit der ersten Xbox bei 25 Millionen Stück den Plafond der Hardcoregamer erreicht und erst mit neuen Angeboten neue Spielergruppen erreicht - zum Teil auch ehemalige Hardcoregamer, die durch anderweitige Verpflichtungen nun weniger Zeit zum Spielen haben.

Nadja Igler, ORF.at

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