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„Kein Boom bei Endkunden“

Der österreichische E-Book-Markt liegt am Boden. Wegen ihres Randdaseins werden E-Books nach wie vor nicht in Branchenstatistiken erwähnt. Das schlechte Zusammenspiel von Endgeräten, Inhalten und Angeboten verbreitet Skepsis sowohl bei den Verlegern als auch Händlern und Kunden. Im Gespräch mit Branchenexperten unternahm ORF.at den Versuch, die Gründe dafür zu finden.

„Es gibt deshalb keine E-Book-Zahlen in Österreich, weil es so wenige Verkäufe gibt, dass man sie nicht in Prozentzahlen ausdrücken kann“, sagte Michael Kernstock, Obmann vom Fachverband Buch- und Medienwirtschaft der Wirtschaftskammer Österreich, gegenüber ORF.at. Die Zahlen seien zudem schwierig zu erfassen, da viel über den Onlinehandel verkauft werde.

Die geringen Umsatzzahlen bestätigt auch eine aktuelle Befragung vom Hauptverband des österreichischen Buchhandels (HVB) unter heimischen Verlegern. So machten bei knapp der Hälfte E-Books weniger als einen Prozent des Umsatzes aus. Darüber hinaus bieten lediglich 17 Prozent der heimischen Verlage bereits E-Books an, was die Zahlen noch weiter drückt. Der Umstand soll sich auch nicht so schnell ändern, denn 36 Prozent gaben an, überhaupt nicht einsteigen zu wollen.

Verstaubte Regale

Verändert habe sich gegenüber dem Vorjahr einzig, dass die E-Reader heute mit einer Staubschicht in den Regalen liegen würden, so Kernstock. Trotz der vermehrt aufkommenden Endgeräte würde sich weder deren Absatz noch jener für E-Books wesentlich geändert haben und gleich gering sein.

Grundsätzliche würde der Erfolg an den hohen Kosten für die Bücher scheitern, „die etwas mehr als ein Taschenbuch kosten“ und an dem grundsätzlichen Glauben der Konsumenten, dass „alles, was aus dem Internet kommt, gratis ist“. Der „Gerätewirrwarr“ und der fehlende Standard für ein Bücherformat tue sein Übriges. „Solange es kein Gerät gibt, das alles kann, wird es nicht funktionieren“, sagt Kernstock.

Nicht ausreichendes Zahlenmaterial

Die Situation im gesamten deutschsprachigen Raum sieht nicht besser aus. In den Branchenstatistiken des Buchhandels werden E-Books nach wie vor nicht erwähnt. Seitens der deutschen Media Control, die monatlich für Österreich, Deutschland und die Schweiz die Zahlen erhebt, heißt es, dass noch nicht ausreichend Zahlenmaterial dafür vorhanden sei. Derzeit arbeite man an einem regelmäßigen Bestsellerranking für E-Books, das im Herbst starten soll. Mehr werde es für heuer noch nicht geben.

Thalia hoch optimistisch

Optimistischer zeigt sich die Buchhandelskette Thalia. Das Unternehmen nennt zwar keine Zahlen, aber „der Markt für E-Books wächst rasant“, so Österreich-Geschäftsführer Josef Pretzl gegenüber ORF.at. Die Kette verfügt nach Eigenangaben mit 80.000 deutsch- und englischsprachigen Titeln über „den umfassendsten deutschsprachigen Content“. Etwa 80 Prozent der Bestseller seien auch als E-Book verfügbar. Mit Oyo bietet Thalia auch das hauseigene Lesegerät dazu an und ist damit naturgemäß an der Entwicklung des E-Book-Marktes interessiert.

Die Preise für die E-Books findet Thalia angemessen. Sie seien zwar Verlagsentscheidung, aber „wir halten ein Preisgefüge von zirka zehn bis 20 Prozent unter dem günstigsten Hardcover für sinnvoll, was auch bei den derzeit angebotenen E-Books zumeist der Fall ist“, so Pretzl.

Morawa: Markt kommt gerade in Bewegung

„Natürlich zieht das Geschäft in diesem Bereich an, aber es ist immer noch ein verschwindend geringer Anteil“, sagt Georg Büchner von der Morawa-Geschäftsleitung. Derzeit habe der Buchhändler 40.000 E-Books im Angebot. Bei den E-Readern wirkt die Situation etwas entspannter. „Wir haben alle bisherigen Reader verkauft“, meint Büchner. Konkrete Zahlen wollte Büchner gegenüber ORF.at aber keine nennen.

Den Preis für E-Books sei nicht zu hoch, auch wenn der „Endkunde die Vorstellung hat, dass das E-Book preisgünstiger sein muss. Das ist sicher eine Hemmschwelle“, so Büchner. Nachdem das Material nur einen geringen Teil der Kosten ausmache, seien die Preise keinesfalls überhöht. Das E-Book-Segment aufzugeben, kann sich Büchner nicht vorstellen, aber im deutschsprachigen Raum werde es wohl noch etwas dauern, bis jede Neuerscheinung als E-Book publiziert werde.

Büchereien: E-Book-Verleih boomt

Nachweisbar positive Zahlen lassen sich beim Verleih ausmachen. Bei den Büchereien Wien werden seit knapp einem Jahr E-Books zur Entlehnung angeboten. Mittlerweile sind es 5.080 elektronische Bücher. Insgesamt „gab es bereits über 37.540 Downloads von über 5.300 Lesern“, so Katharina Marie Bergmayr, bei den Wiener Büchereien für die digitalen Inhalte zuständig, gegenüber ORF.at.

„Die Tendenz ist stark steigend“, was laut Bergmayr auch daran liege, dass das Angebot laufend erweitert werde. Im Jänner seien etwa 3.000 Downloads von 940 Lesern getätigt worden, im August bereits über 5.100 von 1.350 Personen. Vor allem Ratgeber für Computer, Lifestyle und Wirtschaft seien sehr begehrt.

Buchbranche „wird bis 2025 wachsen“

„2011 werden E-Books noch keinen frappierenden Anteil auf dem Buchmarkt einnehmen“, sagte Claudia Paul, Sprecherin des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, gegenüber ORF.at. Auch beim Endkunden könne sie noch keinen „Boom“ erkennen. „Aber aus der Insidersituation sehe ich, wie investiert und die Angebote der Verlage ausgeweitet werden.“ Bei der kürzlich in Deutschland veranstalteten „Zukunftskonferenz“ sei sich die Branche einig gewesen, dass der Buchmarkt bis 2025 noch wachsen werde. Doch „die Wertschöpfungskette, wer vertreibt was, wird sich verschieben“, so Paul.

Claudia Glechner, ORF.at

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