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Schlange stehen um Lebensmittelhilfe

Für Griechenland war es bereits im vergangenen Jahr extrem schwierig, sich über Wasser zu halten - und 2012 wird für viele Griechen kaum einfacher werden. Die Arbeitslosenzahlen haben ein Rekordniveau erreicht, die Einkommen sinken, die Konjunkturprognosen sind schlecht.

Zuletzt wurden erneut Zweifel laut, ob Griechenland seine Schulden auf Grundlage seiner bisherigen Sanierungspläne tragen kann oder am Ende noch zusätzliche Kredite braucht. Für Athen bedeutet das Druck von mehreren Seiten: Einerseits könnte die Troika aus EU, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) zu dem Schluss gelangen, dass Griechenland zu wenig Eifer bei der Sanierung seiner Schulden zeigt.

Andererseits ist immer noch nicht klar, inwieweit EU-Partner und Privatgläubiger wie Banken zu einem Schuldenerlass bereit sind. Klar ist allerdings: Kredite gibt es nur, wenn die Geldgeber sicher sind, dass sie ihr Geld nicht in ein sinkendes Schiff investieren. Die Folgen der rigorosen Sparpolitik und der gleichzeitig schlechten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen spüren schon jetzt weite Teile der Bevölkerung.

Arbeitslosenrate steuert auf 20 Prozent zu

Laut neuesten, am Donnerstag veröffentlichten Daten der nationalen Statistikbehörde ELSTAT stieg die Arbeitslosigkeit im vergangenen Oktober auf 18,2 Prozent. Im September hatte sie noch 17,5 bzw. im Oktober 2010 13,5 Prozent betragen. Bei der Jugendarbeitslosigkeit ist Griechenland mit einem Wert von 46,6 Prozent Spitzenreiter unter den EU-27. Arbeitslose erhalten in Griechenland nur ein Jahr lang Arbeitslosengeld. Danach ist keine Unterstützung mehr vorgesehen.

Kirche muss Zehntausende verpflegen

Wegen der tristen Lage unterstützt die Orthodoxe Kirche mittlerweile eine Viertelmillion Menschen mit Lebensmitteln und der Ausgabe von Mahlzeiten. An der Aktion unter dem Motto „Alle zusammen - wir können es schaffen“ beteiligen sich auch zahlreiche Bürger, denen es finanziell noch besser geht, sowie Supermarktketten. „Wir unterstützen rund 250.000 Menschen“, sagte Vassilios Havatzas, zuständig für humanitäre Aktionen im Erzbistum Athen, am Mittwoch im griechischen Fernsehen.

Suppenküche für Obdachlose und Arbeitslose in AthenAPA/EPA/ANA-MPA/Alexandros VlachosSuppenküche für Obdachlose und Arbeitslose in Athen

In Supermärkten im gesamten Land wurden nach Angaben des zuständigen Fachverbands in den vergangenen Tagen mehr als 150 Tonnen Lebensmittel gesammelt. Kunden werden aufgefordert, nach Möglichkeit „auch etwas für die Notleidenden zu tun“ und Lebensmittel zu spenden.

Kein Geld für medizinische Hilfe

Die Hilfsorganisation Ärzte der Welt (Medecins du Monde), die in Griechenland vier Anlaufstellen für Menschen ohne Zugang zu Gesundheitsversorgung unterhält, verzeichnet laut eigenen Angaben einen dramatischen Anstieg der Patientenzahlen. Die kostenlosen medizinischen und psychosozialen Hilfsangebote würden nun auch vermehrt von griechischen Staatsbürgern in Anspruch genommen. Ursprünglich waren die Anlaufstellen für Flüchtlinge und Asylsuchende gedacht.

Immer mehr Obdachlose

In der Hauptstadt Athen sei die Zahl der Obdachlosen im vergangenen Jahr um 20 Prozent gestiegen, sagte Bürgermeister Giorgos Kaminis am vergangenen Wochenende in einem Interview mit der Tageszeitung „Ethnos“. In den Suppenküchen der Stadt sei die Nachfrage um 15 Prozent gestiegen. Kaminis forderte dafür mehr finanzielle Unterstützung vom Staat. Allerdings ist im Haushaltsplan 2012 vorgesehen, die Sozialausgaben um weitere neun Prozent zu kürzen - um knapp zwei Mrd. Euro.

Mann in Thessaloniki holt altes Brot aus AbfalltonneAP/Nikolas GiakoumidisEin Mann in Thessaloniki holt altes Brot aus einer Mülltonne

Nach offiziellen Zahlen verloren im Vorjahr rund 320.000 Griechen ihren Arbeitsplatz. Die Gewerkschaften warnen davor, dass die Arbeitslosenquote demnächst die 20-Prozent-Marke überspringen könnte. Wegen der rigorosen Sparauflagen will die Regierung in Athen bis 2015 weitere 150.000 Beschäftigte des Öffentlichen Diensts entlassen.

Geschäfte schließen reihenweise

Auch jene Griechen, die nicht akut von Armut betroffen sind, sparen, wo es geht. Zum orthodoxen Weihnachtsfest brachen die Umsätze des Einzelhandels gegenüber 2010 um 30 Prozent ein, wie der Branchenverband ESEE in Athen mitteilte. „Neun von zehn Griechen haben weniger ausgegeben - nicht aus freien Stücken, sondern aus Not“, hieß es. Löhne und Pensionen wurden gekürzt und Steuern erhöht.

Nach Einschätzung der EU-Kommission droht Griechenland 2012 das fünfte Rezessionsjahr in Folge. Die Wirtschaftsleistung dürfte erneut um 2,8 Prozent einknicken, die Arbeitslosigkeit weiter steigen. „Wegen Einkommensverlusten wird die Binnennachfrage schwach bleiben“, hieß es zuletzt aus Brüssel. Wie drastisch die Lage ist, zeigte sich schon letzten Sommer. Damals hieß es in einer Bilanz des Einzelhändlerverbands ESEE, dass wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise bis zu 25 Prozent der Geschäfte schließen mussten.

Noch immer fast zehn Prozent Defizit

Damit verliert der Staat wiederum Steuereinnahmen, der Teufelskreis aus steigenden Kreditkosten und sinkenden Einnahmen schließt sich. Die „schwierigen Tage“, die Regierungschef Lucas Papademos den Griechen angesichts nicht vorhandener „Wunderlösungen“ in seiner Neujahrsansprache prophezeit hatte, dürften sich wohl einstellen.

Griechenland muss in diesem Jahr über Steuererhöhungen, drastische Einsparungen und Privatisierungen sein Budgetdefizit von (geschätzten) 9,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf 5,4 Prozent senken. Im Gegenzug für diese rigorosen Einschnitte erhielt das Land Kreditzusagen für zuerst 110 und später längerfristig noch einmal 130 Mrd. Euro von den EU-Partnern und dem IWF. In Verhandlungen ist immer noch ein 50-prozentiger „Haircut“ der Verbindlichkeiten, der den Schuldenberg um rund 100 Mrd. reduzieren soll.

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Publiziert am 13.01.2012