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Weichgezeichnet und entpolitisiert

Über 20 Jahre ist das Ende ihrer Amtszeit als Premierministerin von Großbritannien bereits her - und noch immer polarisiert sie wie kaum eine andere Politikerin. In „Die Eiserne Lady“ wird Margaret Thatcher nun noch zu Lebzeiten in einem Biopic gewürdigt. Meryl Streep lässt sie als alte und demente Frau auf ihr Leben zurückblicken - und wurde dafür mit einem Oscar belohnt.

Nicht mehr viel erinnert an die „Eiserne Lady“. Sie wurde „rostig“, gebrechlich und einsam lebt sie umgeben von Angestellten und Sicherheitsleuten in ihrem Haus und führt Gespräche mit ihrem längst verstorbenen Ehemann Denis. In Erinnerungen erzählt der Film die Stationen ihres Lebens.

Ein Film über das Altern

Der Film sollte vom Altern handeln, so Regisseurin Phyllida Lloyd gegenüber dem „Guardian“. Es sei eine Art King-Lear-Story, vom Weg zur absoluten Macht gegen alle Widerstände und dem tiefen Fall von ganz oben in ein bitteres Ende. Lloyd hatte sich vor allem durch ihre Theaterinszenierungen einen Namen gemacht, ehe sie mit der Musikkomödie „Mamma Mia!“ den finanziell erfolgreichsten britischen Film aller Zeiten ablieferte.

Streep überzeugt vor allem mit ihrer Darstellung der alten Thatcher: In einigen Momenten schafft sie es, mit Tonnen von Make-up alt geschminkt, intim und berührend die Einsamkeit, Gebrechlichkeit und Demenz in Szene zu setzen. Sie hört das Tuscheln ihrer Tochter, der Angestellten und der Sicherheitskräfte über sie und ihren Zustand, das Reden hinter ihrem Rücken, über sie statt mit ihr.

Nebendarsteller als Stichwortgeber

In einer der wohl stärksten Szenen weist sie ihren Arzt zurecht, der sie fragt, wie sie sich fühlt. „Fragen Sie mich nicht, was ich fühle, fragen Sie, was ich denke. Die Leute denken nicht mehr, sie fühlen.“ Mit diesen Worten wird nicht nur das Leitmotiv von Thatchers Handeln eindrücklich geschildert, es ist auch die einzige substanzielle Kritik an der heutigen Politik.

Ansonsten werden die Nebendarsteller vor allem zu Stichwortgebern Thatchers degradiert. Einzig der halluzinierte Ehemann Denis (Jim Broadbent) bekommt mehr Raum, seine clowneske Darstellung geht allerdings zunehmend nicht nur der alten Thatcher auf die Nerven.

Meryl Streep als Margaret Thatcher in ihrem Büro

Fimladen Filmverleih

Streep brilliert als Thatcher

Bei allen anderen lässt Regisseurin Lloyd Thatcher so oft es geht zum Monolog ansetzen, über Werte, Stärke, Hartnäckigkeit, Willen und Pflichten dozentieren. „Schwach, schwach, schwach“, seien ihre Gegner. Den Heiratsantrag ihres Mannes beantwortet die von Alexandra Roach dargestellte junge Margaret mit einem quasifeministischen Vortrag: Sie werde nicht sterben, während sie ihr Teehäferl abwasche.

Jahre später erklärt sie ihre Kandidatur für den Parteivorsitz ihrem Mann Denis: Pflichtbewusstsein, nicht Ehrgeiz sei ihre Antriebsfeder. Jemand müsse Verantwortung übernehmen. Und als zunehmend von den eigenen Reihen angefeindete Premierministerin belehrt sie ihr Kabinett harsch über Moral, Standhaftigkeit und britische Werte - eine der wenigen mit tragender Musik überdramatisierten Szenen des Films.

Selektive Rückblenden

Woher diese Werte kommen, bleibt im Film weitgehend offen. Für die übernommene Kaufmannslogik ihres Vaters, einem Greißler und Bürgermeister, wird sie zunächst ausgelacht. Die zeitlichen Abstände der Flashbacks, die noch dazu nicht immer in der historisch korrekten Reihenfolge kommen, blenden auch den Aufstieg Thatchers aus.

Nach der immer leicht dümmlich dreinschauenden jungen Thatcher, die 1959 ins männerdominierte Parlament einzieht, wird nur ein Flashback - real aber immerhin elf Jahre - später schon das Regierungsmitglied Thatcher. Auch dort wird sie von den männlichen Kollegen noch belächelt - ehe sie von Spindoktoren leicht aufpoliert plötzlich Parteichefin und Premierministerin ist.

Nicht als politischer Film gedacht?

Die Härte Thatchers zeigt sich nur in den Szenen zum Falkland-Krieg. Mit dem Wort „Versenken“ gibt sie das Feuer auf den argentinischen Kreuzer General Belgrano frei. Über 300 Besatzungsmitglieder sterben, der Krieg ist eröffnet. Wenig später sieht man Thatcher handschriftliche Briefe an die Angehörigen der getöteten britischen Soldaten schreiben. Das ist historisch belegt. Ob sie dabei wirklich Tränen in den Augen hatte?

Als politischer Film sei der Streifen eigentlich nicht gedacht gewesen, sagte Regisseurin Lloyd im Interview. Für einen Film, der eine der umstrittensten politischen Persönlichkeiten porträtiert und jede Menge Zeitgeschichte nachzeichnet, ist das eine gewagte Aussage.

Politik aus einer Perspektive

Denn natürlich vermittelt der Film die Politik Thatchers - aus ihrer und nur ihrer Perspektive. Die Entscheidungen der Premierministerin werden als alternativlos und notwendig dargestellt. Die Demonstranten gegen die politischen Maßnahmen werden zum gesichtslosen Mob in hineingeschnittenen Originalaufnahmen. Politische Gegner agieren fast ausschließlich sexistisch. Die sozialen Folgen der Thatcher-Politik werden gar nicht thematisiert, meinte auch der politische Chefkommentator der BBC, Nick Robinson.

Sohn Mark, in Wahrheit eine zwielichtige Gestalt, korrupter Geschäftsmann und Waffendealer, wird im Film bis auf ein Telefonat ausgeblendet. Auch andere zweifelhafte Aspekte ihrer Ära, wie die besten Kontakte zum damaligen chilenischen Diktator Augusto Pinochet, bleiben ausgeklammert.

Thatcher spaltet Briten noch immer

In Großbritannien löste der Film wenig überraschend schon vor der Premiere heftige Kontroversen aus: Wegbegleiter Thatchers und solche, die es gerne gewesen wären, streuten dem Film Rosen oder reagierten empört auf die Darstellung ihres Idols als alte, demente Frau. Selbst der britische Premierminister David Cameron meldete sich zu Wort. Er hätte sich gewünscht, dass der Film erst später gemacht worden wäre.

Einstigen Gegnern wiederum missfällt der menschliche Touch, den der Film verströmt. Die Angst, die von der „Eisernen Lady“ ausgelöst worden sei, werde völlig ausgeblendet. Parallel dazu ist auch die mediale Reaktion: Konservative Blätter wie der „Telegraph“ und „Daily Mail“ schrieben den Film - und vor allem die historische Figur Thatcher - in den Himmel.

Linksliberale Zeitungen sehen das anders: Der „Guardian“ schreibt von einer weichgezeichneten und entpolitisierten Thatcher, der man die Krallen gezogen habe und die man nur dafür bewundern solle, dass sie härter und mutiger sei als die Männer um sie herum. „Die Eiserne Lady“ ist nun auch in den heimischen Kinos zu sehen.

Christian Körber ORF.at

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