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3.000 Menschen vermisst

Die Katastrophe an der japanischen Ostküste ist auch ein Jahr danach noch kaum überwunden. Durch Erdbeben, Tsunami und das sich infolge ereignete AKW-Desaster in Fukushima ist das Land in eine nachhaltige Krise gerutscht. Gleichzeitig schwindet bei den Hunderttausenden betroffenen Menschen das Vertrauen in die Politik massiv.

Die erschreckende Bilanz ein Jahr danach: Mehr als 15.800 Menschen haben durch den Tsunami ihr Leben verloren, mehr als 3.000 werden noch vermisst. Entlang der 400 Kilometer langen Küste sind 115.000 Gebäude vollkommen zerstört worden. Mehr als 341.000 Menschen mussten infolge der Katastrophe ihre Heimat verlassen.

Die gelebte Normalität in der Hauptstadt Tokio trügt - die Katastrophe in Japan ist weder vorüber noch auch nur annähernd vergessen. Noch immer sind Tausende Menschen aus den von Tsunami und Erdbeben betroffenen Gebieten und den evakuierten Zonen rund um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima I in einer der 53.000 Containerwohnungen untergebracht, die in der Katastrophenregion errichtet wurden.

Blumen und Ruinen erinnern an die Katastrophe vom 11.3.2011

AP/Shizuo Kambayashi

Provisorischer Altar im Gedenken an die Katastrophe

Wirtschaftliche Schäden noch nicht abzusehen

Beben und Flutwelle haben nicht nur Häuser nachhaltig zerstört, sondern auch Arbeitsplätze und damit Lebensgrundlage - ein herber Schlag für die von der Überalterung und Abwanderung besonders betroffene Region. Das Ausmaß der wirtschaftlichen Schäden ist noch immer nicht vollständig abzusehen.

Die überfluteten Küstengebiete sind durch die Versalzung für die Landwirtschaft völlig unnutzbar. Mehr als 87.000 Menschen sind vor den Strahlengefahren in Fukushima geflohen. Ganze Gemeinden sind auf Dauer umgesiedelt worden.

Ähnlich hoch wie vor der atomaren Strahlung ist die Angst der Japaner vor einem weiteren großen Erdbeben. Jüngste Studien weisen auf ein gestiegenes Risiko eines neuen Großbebens hin: Betroffen seien weiterhin die Region Fukushima, aber auch die Megacity Tokio.

Misstrauen gegenüber politischer Klasse

Das jahrzehntelange grundlegende Vertrauen der Japaner in Staat und Institutionen ist aufgrund des Krisenmanagements stark gesunken. Das Gefühl, enttäuscht oder gar belogen worden zu sein, ist immer mehr in Misstrauen umgeschlagen. Das Volk musste miterleben, wie sich Regierung und Bürokratie mitten in der Krise in Kompetenzrangeleien ergingen und der damalig amtierende Premier Naoto Kan nach monatelangen Grabenkämpfen letztendlich an den Herausforderungen scheiterte und aus dem Amt gejagt wurde.

Dass der Wiederaufbau derart stockt, ist vor allem mit der gegenseitigen Blockadepolitik der politischen Klasse zu erklären, die allein in einer Diskussion um die Finanzierung aufgeht. Die Japaner haben sich deswegen in den engeren Kreis zurückgezogen, Familie, Freunde und örtliche Communitys haben als Gemeinschaften viel an Bedeutung gewonnen.

Freiwillige kompensieren politische Versäumnisse

Besonders bei jungen Japanern, die bisher eher geringes Engagement für lokale Belange gezeigt hatten, zeichnet sich dieser Trend ab: Hunderttausende Freiwillige leisteten und leisten noch immer ihren Beitrag bei den Aufräumarbeiten und der Versorgung der Opfer - und kompensieren vielerorts die Versäumnisse der Zentralregierung. Die Katastrophe ist ein entscheidender Impuls für die Entwicklung der Zivilgesellschaft in Japan.

Ein Mann sucht nach Fotos, die nach der Katastrophe gefunden wurden

Reuters/Toru Hanai

Kataloge können nach unzähligen vermissten Gegenständen durchsucht werden

Japangraben wird erkundet

Ende März begann ein deutsch-japanisches Forscherteam auf dem Meeresgrund des Pazifik den Ursachen für die Katastrophe nachzugehen. Wissenschaftler untersuchen mit Hilfe von Unterwasser-Hightechgeräten unter anderem den Japangraben, eine Tiefseerinne, die sich über hunderte Kilometer im Pazifik östlich von Japan erstreckt.

Für das Projekt schicken die Forscher Kameras und Messgeräte auf den Meeresgrund. Sie sollen in bis zu 7.000 Metern Tiefe einen Monat lang Daten und Bilder einfangen sowie Proben entnehmen. Die Forscher erhoffen sich Aufschluss sowohl über die Ursachen, als auch die Folgen des Erdbebens.

„Und wir wollen das Gebiet kartieren, um zu sehen, inwiefern das Beben größere Veränderungen verursacht hat“, sagte der leitende Geologe Gerold Wefer von der Universität Bremen. Anhand der Daten wollen die Forscher auch Erkenntnisse darüber gewinnen, wie künftige Beben rechtzeitig vorhergesagt werden können.

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