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Ein Wahlkampf und das ferne Volk

Wenn die aussichtsreichen Kandidaten für die französische Präsidentschaftswahl, Amtsinhaber Nicolas Sarkozy und Herausforderer Francois Hollande, vor der Wahl am Sonntag auf den Wahlkampf zurückblicken, dann könnten sie behaupten, Tausenden Franzosen die Hand geschüttelt zu haben. Statt der echten Bevölkerung haben sie aber meist Parteigänger in Potemkin’schen Städten und Dörfern getroffen.

Die Polemik im Lager des sozialistischen Herausforderers gegen Sarkozy ist groß. Sarkozy habe einmal mehr ein Potemkin’sches Dorf besucht, ätzte Wahlkampfsprecher Najat Vallaud Belkacem in seinem Kampagnenblog. Belkacem spielt auf die vielen „Franzosen“ an, die Sarkozy auf seiner Reise durchs Land getroffen haben will, die eben nicht einfaches Volk, sondern Mitglieder seiner Partei seien.

„Was zählt, ist die Begegnung“

Auch die Dokumentation „Nicolas Sarkozy - Psychogramm eines Präsidenten“ erinnert zum Wahlkampf 2012, dass der Staatschef bei seiner Reise durch Frankreich stets in eine Menge von Parteigängern der UMP eingetaucht sei. Demonstrationen gegen den Präsidenten habe man an den Rand verbannt - und der Amtsinhaber immer nur jubelnde Französinnen und Franzosen getroffen. Nichts sollte die Inszenierung des gegen ein Umfragetief kämpfenden Staatschefs stören.

Auch der linksliberale „Nouvel Observateur“ spart nicht mit Berichten über gekünstelte Veranstaltung des Präsidenten, die an die Aktionen des einstigen russischen Feldmarschalls Grigori Potemkin erinnerten, der der durchreisenden Zarin Katharina II. an der Krim Dörfer in Form bemalter Kulissen gezeigt habe. So besuchte, wie der „Nouvel Observateur“-Journalist Bruno Roger-Petit berichtete, Sarkozy eine Baustelle im Süden von Paris in der Vorstadt Mennecy. „Um die Kälte, die da herrschte, ging es nicht, um die Arbeiter auch nicht, was zählte, war die Begegnung.“

Nicolas Sarkozy besucht eine Baustelle

Reuters/Philippe Wojazer

Sarkozy trifft Bauarbeiter - für die Kampagne wurden sie extra auf die Baustelle gefahren

Die Arbeiter, die Sarkozy an diesem Tag für medienwirksame Bilder traf, hatte man eigentlich wegen anhaltender Kälte nach Hause geschickt. Für das Treffen mit dem Präsidenten wurden sie dann extra auf die Baustelle gekarrt. Der Effekt: Bilder eines engagierten Präsidenten mit Bauarbeitern in Arbeitsanzug und Helm.

Auch Hollande traf nicht immer „das Volk“

Freilich, Herausforderer Hollande setzte bei seinen medial inszenierten Treffen ebenso gerne auf Genossen aus der eigenen Partei. Höhepunkt: die Abschlussduelle im Wahlkampf vergangenen Sonntag in Paris. Auf dem Place de la Concorde (Sarkozy) und im Schlosspark von Vincennes (Hollande) hatten beide ihre Anhänger zusammengerufen, um diesmal zu zeigen, wer mehr Anhänger zur Abschlusskundgebung mobilisieren konnte.

In Sarkozys Lager sprach man von 100.000 Menschen, in jenem Hollandes von mehreren zehntausend - die Sozialisten wollten keine Zahl zu ihrer Veranstaltung bekanntgeben. Hollande hatte darauf verwiesen, dass nicht die Teilnehmerzahl entscheidend sei, sondern die Wahl selbst. Auf der Strecke zwischen beiden Kundgebungsorten waren in der Früh tatsächlich Zehntausende unterwegs - nicht, um die Wahlkämpfer zu unterstützen, sondern um den Paris-Marathon zu laufen.

Fotoapparat mit Kandidat Hollande und Anhängern auf dem Display

francoihollande.fr

Fotos mit dem Kandidaten - gewünschte Schnappschüsse in der Kampagne von Francois Hollande

Die Kandidaten und die Vorstadt

In den Banlieues (Vorstädten), die wegen vorangehender Jugendkrawalle am Pariser Gare du Nord im Präsidentschaftswahlkampf 2007 noch ein großes Thema waren, traten die favorisierten Kandidaten dosiert auf. „Wenn ein Politiker in die Banlieues kommt, hat er sich entweder verirrt, oder es ist Wahlkampfzeit.“ Dieses geflügelte Wort kursierte unter den Bewohnern der Pariser Vorstadtviertel. Der um eine zweite Amtszeit kämpfende Sarkozy besuchte zuletzt unter anderem das Problemviertel Drancy im Nordosten von Paris. Hollande machte sogar eine 48-Stunden-Tour durch mehrere Viertel.

Erinnerungen an 2005

In den von grauen Betonbauten geprägten Vorstädten hält sich die Begeisterung für die ungewohnte Aufmerksamkeit in Grenzen. „Die Politiker wissen nichts von unserem Leben hier“, sagte die Aktivistin Fatima Hani. „Sie versprechen uns das Blaue vom Himmel, aber schließlich tun sie nichts für uns.“ Die dunkelhaarige Frau ist Nationalsekretärin der Bürgerbewegung AC Le Feu (Stoppt das Feuer), die ihr Büro mitten im Pariser Vorort Clichy-sous-Bois hat.

Umfragen: Hollande voran

Wenige Tage vor Wahl hält der Sozialist Francois Hollande in den Umfragen seinen Vorsprung auf Amtsinhaber Nicolas Sarkozy. Laut einer am Freitag veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes IPSOS kann Hollande in der ersten Runde am Sonntag mit 29 Prozent der Stimmen rechnen. Auf den konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy entfallen demnach 25,5 Prozent der Stimmen. Der Wahlkampf endet Freitagmitternacht. Danach dürfen keine Umfragen mehr veröffentlicht werden.

An der Wand dort hängt das Foto der Teenager Zyed und Bouna. Die beiden kamen 2005 auf der Flucht vor der Polizei ums Leben. Der Vorfall in Clichy-sous-Bois entfachte damals landesweit Unruhen in den sozialen Brennpunkten, die mit hoher Jugendarbeitslosigkeit, schlechter Infrastruktur und Kriminalität aller Art zu kämpfen haben.

Sarkozy war 2005 Innenminister und kündigte an, die Vorstädte „mit dem Kärcher vom Gesindel zu befreien“. Als Präsident setzte er später auf einen großangelegten Aufbauplan namens „Hoffnung Banlieue“. Er sollte den vernachlässigten Vierteln Frankreichs bessere Verkehrsverbindungen, Bildungsförderung und Arbeitsplätze für die Vorstadtjugend bringen.

Die bisherige Bilanz ist jedoch höchst umstritten. „Der Plan ist angesichts politischer Machtlosigkeit, des Mangels an (finanziellen) Mitteln und der generellen Gleichgültigkeit untergegangen“, schrieb der Soziologe Didier Lapeyronnie jüngst in einem Extraheft der Zeitung „Le Monde“. Er habe praktisch keinen Effekt gehabt.

Wie viele aus der Vorstadt gehen an die Urnen?

Die Bürgervereinigung AC Le Feu hat eine Kampagne gestartet, damit die Wahl nicht ohne die „Stimme der Vorstädte“ entschieden wird. Auch die Soziologin Celine Braconnier mahnt, wenn ganze Bevölkerungsschichten nicht mehr wählen gingen, „haben die Kandidaten kein Interesse mehr daran, sich für diese Leute einzusetzen“. Dabei hatten 2007 noch 81 Prozent der Einwohner von Clichy-sous-Bois ihre Stimme bei der Präsidentschaftswahl abgegeben - überwiegend gegen Sarkozy und für die Sozialistin Segolene Royal.

Diesmal spielten die Vorstädte im Wahlkampf nur einmal kurz eine größere Rolle: nach der Attentatserie des algerischstämmigen Mohammed Merah, der in einem Problemviertel im südfranzösischen Toulouse aufgewachsen war. Sarkozy lenkte die Aufmerksamkeit rasch auf das Problem Einwanderung, auf Islamismus und Terrorismus. Hollande verspricht in seinem Programm zwar mehr Arbeitsplätze, Lehrerstellen und Wohnungen für benachteiligte Viertel. Wie es um die Mobilisierung der „Unterschätzten“ steht, wird nun der Sonntag, nicht zuletzt aber die Stichwahl um die Macht im Elysee zeigen.

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