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„Knappheit die neue Norm“

Nach einem Einbruch während der Wirtschaftskrise steigen die Preise für Agrarrohstoffe und damit die für Grundnahrungsmittel wie Getreide und Fleisch wieder rasant. Entspannung ist keine in Sicht. Im Gegenteil: Glaubt man aktuellen Einschätzungen der Entwicklungs- und Hilfsorganisation Oxfam, könnten sich die Lebensmittelpreise in den kommenden 20 Jahren nahezu verdoppeln.

Bis 2030 könnte das Preisniveau um 70 bis 90 Prozent nach oben klettern. Mit dieser Entwicklung Hand in Hand gehe eine wachsende Nahrungsmittelknappheit vor allem in den Entwicklungsländern, heißt es in einem Bericht unter dem Titel „Growing a Better Future“, der im Mai 2011 veröffentlicht wurde. Die Zahl der akut von Hunger betroffenen Menschen steige dadurch permanent, erklärte die Präsidentin der britischen Hilfsorganisation, Barbara Stocking.

Katastrophen, Finanzkrise, Klimawandel

Mittlerweile gleiche die Entwicklung einem Teufelskreis aus steigenden Lebensmittel- und Erdölpreisen, Naturkatastrophen, Finanzkrise und Ernteausfällen durch den Klimawandel. Doch wo sind die Lösungen für das Problem? Laut Oxfam gibt es mehrere Möglichkeiten, den Teufelskreis zu durchbrechen. Eine davon sei, Spekulationen auf Agrarrohstoffe an den Warenterminbörsen zu beschränken. Welchen Anteil diese Geschäfte an der Preisentwicklung haben, lässt sich seriös kaum abschätzen. Sicher ist jedoch, sie können Preisausschläge beschleunigen bzw. verstärken.

Das Problem Agrosprit

Eine weitere Maßnahme, die Oxfam vorschlägt, ist, die Verwendung von Pflanzen wie Zuckerrohr und Raps für die Herstellung von Biotreibstoffen wieder einzuschränken. Deren Produktion beansprucht Flächen, die dann für den Anbau von Getreide und anderen Nutzpflanzen fehlen, parallel dazu treibt die höhere Nachfrage nach bestimmten Getreidesorten zur Methanolproduktion das allgemeine Preisniveau nach oben.

Die 1942 in Großbritannien gegründete Organisation schlägt weiters vor, die Subventionierung von Biotreibstoffen zurückzufahren. Außerdem müsste die Dominanz einer Handvoll großer Unternehmen über den Handel mit Agrarrohstoffen und Saatgut beendet werden. Wie steil die Preiskurve bei diesen Rohstoffen in den letzten Jahren nach oben verlaufen ist, veranschaulicht der Food Price Index der UNO-Welternährungsorganisation (FAO).

Kooperation anstatt Konkurrenz gefragt

Bisher geschehe deutlich zu wenig. „Die internationale Gemeinschaft treibt schlafwandlerisch auf einen beispiellosen und vermeidbaren Rückfall in der menschlichen Entwicklung zu“, heißt es in dem Bericht weiter. Die Hilfsorganisation startet in 45 Staaten eine entsprechende Kampagne, die unter anderem von dem früheren brasilianischen Präsidenten Luiz Inacio Lula da Silva und dem südafrikanischen Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu unterstützt wird.

Wenn, dann kann das Problem laut Oxfam nur im internationalen Schulterschluss entschärft werden. „Nun müssen die großen Staaten - alte wie neue - kooperieren, nicht konkurrieren, um Ressourcen zu teilen, die Widerstandsfähigkeit aufzubauen und den Klimawandel bekämpfen.“ Dabei müssten auch die ärmeren Nationen einbezogen werden, da gerade diese Staaten vom Klimawandel besonders betroffen seien - und nicht nur davon.

Hier ein „Ärgernis“, dort eine Katastrophe

Den Konsequenzen der explodierenden Lebensmittelpreise für die „Erste“ und die „Dritte Welt“ hatte sich das US-Magazin „Foreign Policy“ in einem Artikel unter dem Thema „The New Geopolitics of Food“ („Die neue Weltordnung der Nahrungsmittel“) gewidmet. In den hoch entwickelten Industrienationen, wo der Konsument die Rechnung über steigende Inflationsraten präsentiert bekommt, seien die Preissteigerungen „ein Ärgernis, aber keine Katastrophe“ - zumindest für das Gros der Menschen.

Der durchschnittliche US-Amerikaner gibt laut „Foreign Policy“ weniger als ein Zehntel seines Einkommens für Lebensmittel aus. „Aber für zwei Milliarden arme Menschen auf diesem Planeten, die zwischen 50 und 70 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, können diese rasant steigenden Preise bedeuten, dass es anstatt zwei nur noch eine Mahlzeit pro Tag gibt.“

Die Situation auf dem globalen Nahrungsmittelmarkt habe sich, heißt es in dem Artikel, ganz grundlegend verändert. Dafür seien mehrere Ursachen verantwortlich. Eine davon sei das rapide Bevölkerungswachstum mitsamt sich verändernden Ernährungsgewohnheiten. Der Fleischkonsum etwa steigt inzwischen auch in Schwellenländern und damit der Bedarf nach Tierfutter. Mit jedem Tag säßen 219.000 Menschen mehr am „globalen Esstisch“. Laut Oxfam wird der globale Nahrungsmittelbedarf bis 2050 um 70 Prozent über dem heutigen Niveau liegen.

Neue Zusammenhänge

Weltweite Engpässe könnten heute, etwa durch Großproduzenten wie die USA, nicht mehr so einfach abgefangen werden wie früher. Allein in den Vereinigten Staaten steigt der Getreidebedarf laut „Foreign Policy“ mit jedem Jahr um 40 Millionen Tonnen. Ein bedeutender Teil der Ernten fließt mittlerweile in die Biospritproduktion.

Im Vorjahr machte die Gesamternte rund 400 Millionen Tonnen aus, davon endeten 126 Millionen Tonnen im Tank. Im Jahr 2000 waren es noch 16 Millionen Tonnen gewesen. Der Agrotreibstoffboom habe inzwischen auch zu einer indirekten Koppelung des Preises für Getreide an den von Erdöl geführt: wird Erdöl teurer, geschieht dasselbe mit dem Ersatzprodukt für Biotreibstoffe.

Alles in allem, so „Foreign Policy“, sei auf dem globalen Markt für Lebensmittel eine Entwicklung in Gang gekommen, die völlig neue Fakten und Zusammenhänge schafft, welche die Weltpolitik in den kommenden Jahren prägen würden. Fest stehe: „Knappheit ist die neue Norm.“

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