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Von Überfällen verschont

In kaum einem Land lässt sich schwieriger ein erfolgreiches Unternehmen aufziehen, internationale Hilfsgelder machen mehr als 95 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus: Doch gibt es in Afghanistan auch Firmen, die es geschafft haben - und das in Branchen, die zunächst eher abwegig erscheinen. Ahmad Faizy hat vor acht Jahren sein Unternehmen gegründet - seitdem liefert er seine Eislutscher bis in die hintersten Winkel des Landes.

Während Lastwagen auf den gefährlichen Straßen Afghanistans oft zur Beute von Kriminellen oder Islamisten werden, bleiben die Eis-Lkws bisher verschont. „Um die Sicherheit muss man sich nicht sorgen, wenn man Eis verkauft“, sagte Faizy gegenüber dem britischen „Guardian“.

Mit Kühllastern in alle Provinzen

Bisher habe es beim Transport keine Probleme gegeben. Mittlerweile habe seine Firma Herat Ice Cream Vertretungen in allen Provinzen des Landes. „Auch die Taliban mögen Eis“, meint er. Selbst Städte wie Khost im Osten des Landes, wo das terroristisch-islamistische Haqqani-Netzwerk operiert, und die Provinz Nuristan, in der die Taliban immer wieder versuchen, an die Macht zu kommen, würden beliefert.

Afganische Frauen in der Eisfabrik

picturedesk.com/EPA/Jalil Reyazee

Die Eisfabrik gilt als Vorzeigebetrieb

Faizy hatte die Firma gegründet, nachdem er sich mit einem Importhandel ein Startkapital von 500.000 Dollar erwirtschaftet hatte, das er in Eismaschinen und Experten aus Pakistan investierte. Inländische Konkurrenz gab es kaum. Mittlerweile hat er 200 Angestellte, das Unternehmen sei 15 Millionen Dollar wert. 30 Tonnen Eis produziert die Firma täglich, mit Kühllastern werden alle großen Städte beliefert.

Wenn der Eismann nervig trötet

Verkauft wird das Eis dann über Straßenverkäufer, die mit ihren Wagen durch die Straßen der Städte und Ortschaften tingeln. Ganz nach westlichem Vorbild kündigen sie ihr Kommen akustisch an. Über Lautsprecher werden blecherne Melodien gespielt, zu den beliebtesten - und laut „Guardian“ auch nervigsten - Melodien zählen Celine Dions „Titanic“-Hit „My Heart Will Go On“ und Beethovens „Für Elise“. Knapp 40 verschiedene Eislutscher stellt das Unternehmen mittlerweile her. Demographisch ist Afghanistan für Speiseeis wie geschaffen: Zwei Drittel der Afghanen sind jünger als 25 Jahre, in animierten Werbespots spricht Herat Ice Cream vor allem Kinder an.

Kampf gegen iranische Konkurrenz

Faizys größtes Problem ist die ausländische Konkurrenz - und hier vor allem die aus dem Iran. Dabei komme ihm die nicht funktionierende Verwaltung in die Quere: Der Zoll an der Grenze arbeite nicht ordentlich. Nur ein Bruchteil der eingeführten Waren würden versteuert - oder sie werden gleich ganz ins Land geschmuggelt.

Die Iraner würden jedenfalls mit Kampfpreisen auf den Markt gehen - wohl auch, weil sie mit den internationalen Sanktionen und der dramatischen Abwertung ihrer Währung dringend neue Märkte brauchen. „Wenn wir das Eis für zehn Afghanis verkaufen, wird es eine iranische Firma für neun verkaufen - nur um uns zu entmutigen und Marktanteile zu gewinnen, auch wenn sie dabei gar keinen Profit machen“, so Faizy.

Milchprodukte als zweites Standbein

Unterstützt wird das Unternehmen zwar von einem US-Regierungsprogramm, das kleine und mittelständische Unternehmen fördert, für die großen Expansionspläne fehlen aber die Investoren. So geht die Nachfrage nach Eis im Winter logischerweise gegen null, das Unternehmen hat aber nicht genügend Kühlhäuser, um auch in den kalten Monaten für den nächsten Sommer vorzuproduzieren. Eine dreimonatige Betriebspause ist daher notwendig.

Mittlerweile hat sich Herat Ice Cream ein zweites Standbein geschaffen, das von der Marktgröße jedenfalls noch lukrativer sein könnte: Vor 30 Jahren konnte das Land den Bedarf an Molkereiprodukten selbst decken. Nach drei Jahrzehnten Krieg liegt man bei einer Importrate von 68 Prozent. Mit Milch und Joghurt lässt sich daher mit Sicherheit einiges an Geld verdienen.

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