Kreml-Kritiker Kasparow drohen bis zu fünf Jahre Haft

Dem Kreml-Kritiker Garri Kasparow drohen bis zu fünf Jahre Lagerhaft, weil er einen Polizisten bei einer Demonstration in Moskau ins Ohr oder in die Hand gebissen haben soll.

Der frühere Schachweltmeister wurde heute von der Polizei vernommen, nachdem er wegen seiner Teilnahme an der Kundgebung für die Punkband Pussy Riot vorübergehend festgenommen worden war.

„Ich möchte diesen Polizisten sehen“

Kasparow sagte nach seinem Verhör in einem Moskauer Polizeikommissariat, die Polizisten hätten zugesagt, ein von ihm überreichtes Video an den örtlichen U-Ausschuss weiterzuleiten. Dieser müsse dann entscheiden, ob Ermittlungen aufgenommen werden. Die Nachrichtenagentur Interfax zitierte Kasparow mit den Worten: „Ich möchte diesen Polizisten sehen. Zu sagen, ich hätte jemanden gebissen, das ist Wahnsinn!“

Bei Demonstration für Pussy Riot festgenommen

Der Oppositionelle war am Freitag in Moskau während einer Solidaritätskundgebung für Pussy Riot festgenommen worden. Am Samstag kam er zusammen mit etwa 50 weiteren Demonstranten wieder frei. In einer Erklärung auf seiner Website verwies Kasparow auf zahlreiche im Internet veröffentlichte Videos. Dort sei zu sehen, dass die Polizei ihn festnahm, während er mit Journalisten sprach, und ihn danach schlug. Kasparow kündigte eine Klage wegen illegaler Festnahme und Machtmissbrauchs durch die Polizei an.

Weitere Pussy-Riot-Mitglieder im Visier

Unterdessen drohen weiteren Mitgliedern von Pussy Riot ebenfalls Haftstrafen wegen „Rowdytums aus religiösem Hass“. Die russische Justiz habe Aktivistinnen der kremlkritischen Skandalband zur Fahndung ausgeschrieben, hieß es. Auch diesen beiden Frauen würden Gefängnisstrafen drohen, teilte ein Polizeisprecher nach Angaben der Agentur Interfax mit.

Gnadengesuch an Putin abgelehnt

Die drei bereits zu Haftstrafen verurteilten Mitglieder lehnten unterdessen ein Gnadengesuch an den russischen Präsidenten Wladimir Putin ab. „Mit dieser Gnade sollen sie zum Teufel fahren“, hätten die Frauen auf eine entsprechende Nachfrage ihrer Anwälte geantwortet, sagte Verteidiger Nikolai Polosow der Nachrichtenagentur AFP. Er bekräftigte zugleich, gegen die Urteile in Berufung gehen zu wollen.

Die 22-jährige Nadeschda Tolokonnikowa, die 24-jährige Maria Alechina und die 30-jährige Jekaterina Samuzewitsch waren am Freitag des „Rowdytums“ aus religiösem Hass schuldig erklärt und zu jeweils zwei Jahren Lagerhaft verurteilt worden.

Außenminister Lawrow: „Hysterie“

Unterdessen wies das offizielle Russland die internationale Empörung über das harte Urteil gegen drei Frauen als „Hysterie“ zurück. Zugleich verbat sich die Führung Kritik am Prozess. „Man sollte vor dem Ende der Berufungsverhandlung keine Schlussfolgerungen ziehen“, sagte Außenminister Sergej Lawrow heute nach Angaben der Agentur Interfax.

Publiziert am 20.08.2012