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Umstrittener Film prämiert
Der Goldene Löwe ging unterdessen an das südkoreanische Drama „Pieta“ von Kim Ki-duk, wie die Jury am Samstagabend bekanntgab. Weitere Hauptpreise erhielt Paul Thomas Andersons „The Master“ - den Silbernen Löwen für die beste Regie -, außerdem teilen sich die beiden Hauptdarsteller Philip Seymour Hoffman und Joaquin Phoenix den Löwen als beste Schauspieler.
Sogar Seidl selbst überrascht
Seidl jedenfalls hatte mit seinem umstrittenen Film bereits am ersten Wochenende für Aufregung am Lido gesorgt und unter anderem eine Anzeige wegen Blasphemie erhalten. Jetzt, nach der Preisverleihung, sagt er: „Man kann sich nur gut fühlen, wenn man diesen Preis gewinnt“, und fügt hinzu: „Noch dazu mit einem nicht ganz leichten Film, wie ich meine.“ Dass „Paradies: Glaube“, der zweite Teil einer Trilogie, nicht nur eine Minderheit anspricht, hat selbst den österreichischen Regisseur ein wenig überrascht: „Da bin ich sehr stolz und freue mich sehr.“
Zur Blasphemieanzeige einer katholischen Organisation gegen ihn sagte Seidl: „Ich bin der Meinung, dass da nichts dabei herauskommen wird. Aber natürlich ist es schön, dass die Qualität des Films nun vom Festival und von der Jury bestätigt worden ist.“ Auf den Filmemacher wartete am Abend in Venedig noch das Dinner für die Gewinner, wie er erzählte. „Es wird mit Sicherheit eine lange und rauschende Nacht werden.“
APA/EPA/ANSA/Claudio OnoratiHauptdarsteller Nabil Saleh und Maria Hofstätter mit Regisseur Ulrich SeidlUmstrittene Kruzifix-Szene
Seidl sorgte in Venedig für den Aufreger der Filmfestspiele. Mit „Paradies: Glaube“ widmet sich der österreichische Regisseur, Autor und Produzent einer streng katholischen Krankenschwester, die missionarisch von Haus zu Haus zieht und deren ägyptischer Mann nach längerer Abwesenheit plötzlich wieder bei ihr daheim auftaucht.
Auch wenn die Konstellation recht konstruiert klingt, hat der beklemmende Film bei der Pressevorführung am Lido doch zahlreiche Lacher und anhaltenden Applaus geerntet. Nicht selten blieb einem das Lachen dabei im Halse stecken, wie die APA berichtete.
Anna Maria (Maria Hofstätter) wirkt anfangs noch wie frisch verliebt. Der im wahrsten Sinne des Wortes Angebetete ist Jesus, für den sie sich vor dem Kreuz angesichts der Triebhaftigkeit der Menschen sogar selbst geißelt, mit dem sie im Laufe der Zeit aber auch eine lustvolle Beziehung verbindet - bis hin zum durchaus ungewöhnlichen sexuellen Kontakt mit einem Kruzifix.
Dritter Teil geplant
Was für Anna Maria vor allem eine Prüfung Gottes darstellt, entwickelt sich zum drastischen häuslichen Kleinkrieg, in dem die Ehe ebenso programmatisch am Spiel steht wie die Religion. Zentral ist aber, wie auch schon im ersten Teil der Trilogie, die Sehnsucht nach Liebe und Glück, die Teresa und Anna Maria verbindet - wenn auch ihre Wege völlig unterschiedlich sind.
Dass beide Figuren in ihrem Streben scheitern, teilen sie mit der dritten Figur des filmischen Dreigestirns, der übergewichtigen Tochter von Teresa, die in „Paradies: Hoffnung“ in einem Diätcamp ihre erste Liebe erlebt. Der letzte Film ist noch nicht veröffentlicht.
Ulrich Seidl Film Produktion GmbHAlleinstehend, aber nicht allein: Eine Frau mit einer MissionHeftige Kritik von katholischer Seite
„Paradies: Glaube“ löste in Italiens katholischen Kreisen heftige Kritik aus. Seidl wurde von der erzkonservativen katholischen Onlinetageszeitung Sussidiario.net des „obszönen Nihilismus’“ beschuldigt, der sowohl Katholiken als auch Moslems beleidige. „Abgesehen von szenischen Einzelheiten, die offenkundig obszön sind und keinerlei künstlerische Bedeutung haben, will der Film gegen alle christlichen Symbole auf eine Weise vorgehen, die an die Revolte gegen die kirchliche Dimension der 60er Jahre erinnert“, berichtete Sussidiario.net.
Auch die katholische Website Pontifex sparte nicht mit Kritik an Seidl. „Man kann Katholik, Buddhist, Moslem oder Jude sein, doch die religiösen Gefühle müssen respektiert werden. In einigen Fällen kann religiöse Satire auch witzig, vielleicht auch notwendig sein, doch sich der Vulgarität hinzugeben, hat keinen Sinn“, so Pontifex. Auch die ultrakonservative Organisation Militia Christi protestiert heftig gegen Seidl. Der Streifen sei Ausdruck „unerträglicher Filmblasphemie“.
Organisation fordert Schadenersatz
Und die ultrakonservative Organisation NO 194, die bei der Staatsanwaltschaft in Venedig eine Klage gegen Seidl wegen Blasphemie eingereicht hat, will als Zivilkläger an einem möglichen Prozess gegen den Filmemacher teilnehmen. „Wir wollen Schadenersatz von Seidl und den anderen Angeklagten verlangen“, kündigte Rechtsanwalt Pietro Guerini, Präsident der katholischen Organisation, im Gespräch mit der APA an. „Seidl hat zwei Milliarden Christen auf der Welt beleidigt, für die das Kreuz ein Symbol ihrer Religion ist.“
Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) gratulierte Seidl und dem Schauspielerteam zu dem Erfolg via Aussendung. Sie strich besonders die gesellschaftspolitische Dimension von Seidls Arbeit hervor.
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Publiziert am 09.09.2012