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Experten wollen Archiv der Migration

Vor 50 Jahren begann die Geschichte der Arbeitsmigration nach Österreich. Eine Gruppe aus Historikern und Migrationsexperten fordert nun ein Archiv der Migration. Ein neuer Blick auf die österreichische Geschichte der vergangenen Jahrzehnte sei notwendig: Migration und Migranten müssten in ihr sichtbar gemacht werden.

Wer die österreichische Staatsbürgerschaft erlangen will, der muss nicht nur die Mehrheitssprache erlernen. Teil des sogenannten Integrationsverfahrens ist die Kenntnis der nationalen Geschichte, je nach Bundesland abgestuft, das Wissen um wichtige Eckdaten und Ereignisse. Gefordert wird mithin eine Einordnung in ein nationales Gedächtnis.

Was aber fehlt im nationalen Gedächtnis?

Doch wo ist in diesem nationalen Gedächtnis der Platz für die Geschichte(n), Erinnerungen und Erfahrungen der Migrantinnen und Migranten, die während der vergangenen fünf Jahrzehnte nach Österreich gekommen sind? Eine Gruppe heimischer Zeithistoriker und Migrationsexperten fordert nun, die Geschichte der Migration in Österreich und vor allem der Migrantinnen und Migranten selbst sichtbar zu machen.

Ljubomir Bratic

Ljubomir Bratic

Aktivist Bratic: „Migrantinnen und Migranten sind nicht ohne Geschichte.“

Dabei geht es nicht nur darum, die Geschichte der Zweiten Republik um einen wesentlichen, bisher vernachlässigten Aspekt zu erweitern. Es geht darüber hinaus um die Überlegung, wie eine nationale Geschichte angesichts von Migration überhaupt noch geschrieben werden kann.

Immer wieder wurde in den vergangenen Jahren gefordert, dass die Geschichte der Migration in das kollektive Gedächtnis der Österreicherinnen und Österreicher eingeschrieben werden müsse. Schulbücher spielen dabei sicher eine große Rolle, Museen und Ausstellungen ebenfalls. Die Ausstellung „Gastarbajteri“, die 2004 im Wien Museum gezeigt wurde, hatte das bereits wegweisend versucht. Die grundlegendste Infrastruktur des kollektiven Gedächtnisses sind allerdings die Archive.

Die Forderung nach einem Archiv der Migration ist denn auch ein zentrales Anliegen der Gruppe, die sich in einem „Arbeitskreis Archiv der Migration“ organisiert hat.

Debatte über Ausrichtung des Archivs nötig

Wie ein solches Archiv der Migration genau auszusehen hätte, wird dabei derzeit noch offengelassen. Das sollte nicht zuletzt Gegenstand einer öffentlichen Debatte sein. Klar ist nur, dass das Thema in den etablierten Einrichtungen schlecht vertreten ist, wichtige Bestände verstreut und auch weitgehend unbekannt (oder bereits vernichtet worden) sind und historisches Erfahrungswissen sowie private Überlieferungen durch den Wandel der Generationen verloren zu gehen drohen.

In ihrer eigenen Arbeit wollen die Forscherinnen und Forscher daher die Materialsammlung und -sichtung an den Anfang stellen und von da aus ein Konzept erarbeiten.

Als entscheidend heben sie allerdings bereits jetzt hervor, dass es notwendig ist, den Migrantinnen und Migranten selbst, ihren Erfahrungen und Erinnerungen, einen Raum zu geben. Bisher seien sie nicht als Subjekte und Akteure in der Geschichte sichtbar, ihre Stimmen blieben ungehört, konstatiert der Leiter des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck, Dirk Rupnow, der das vom Wissenschaftsfonds geförderte Projekt zur Migrationsgeschichte koordiniert.

Dirk Rupnow

Uni Innsbruck

Historiker Rupnow: In Österreich stellt man sich das eigene Land immer noch als einheitliche Nation vor

Eine zeitgemäße Geschichte der Migration dürfe nicht nur eine der Eliten und Institutionen sein oder sich auf die Analyse zwischenstaatlicher Anwerbeabkommen und die Darstellung abstrakter Migrationsströme reduzieren, so Rupnow.

Eine neu zu schreibende Geschichte

Im Rahmen der Wienwoche widmen sich Anfang Oktober eine Plakataktion in ganz Wien und eine Podiumsdiskussion in der Wienbibliothek der Frage der Schaffung eines Archivs der Migration. Zwei ausgewiesene Experten für das Thema haben die Kampagne „Für ein Archiv der Migration, jetzt!“ gestaltet: Arif Akkilic und Ljubomir Bratic, gleichzeitig Gründungsmitglieder des Arbeitskreises, fordern die Schaffung einer Dokumentationsstelle, „deren Aufgabe es ist, die bisher zerstreuten und in Privatsammlungen befindlichen Artefakte zu sammeln und systematisch aufzuarbeiten“.

„Migrantinnen und Migranten sind nicht ohne Geschichte“, erinnern Akkilic und Bratic und wollen ihre Forderung in den nächsten Tagen auch mit öffentlichen Aktionen untermauern: „Wenn das Recht die Ungleichheit festschreibt, dann wird der Dissens zur Pflicht“, so ihre Maxime.

Beide sind ebenso Mitarbeiter des Forschungsprojekts zur Migrationsgeschichte, mit dem in den kommenden drei Jahren versucht werden soll, die Grundlagen für eine solche neue Geschichte Österreichs als Migrationsgesellschaft zu schaffen.

Regalreihen des Haus-, Hof- und Staatsarchives in Wien

APA/Roland Schlager

Die Archive des Staates als Macht- und Ausschluss-Instrument

Das Archiv und die Staatsmacht

Archive, so erinnert Rupnow, seien machtvolle Apparate des Staates. Sie könnten nicht nur Wissen bewahren, sondern auch Spuren verwischen. Um die Perspektiven der Migrantinnen und Migranten in die Geschichte einzuschreiben, seien entsprechende Quellen notwendig, die bisher aber keinen Platz in den bestehenden Archiven gefunden hätten - nicht zuletzt deshalb nicht, weil sie die hergebrachten Vorstellungen von Nation und Nationalgeschichte nachhaltig in Frage stellen würden.

„Bisher wird von den Institutionen und der Mehrheit im Lande immer noch gerne eine - freilich nie da gewesene - einheitliche Nation imaginiert oder sogar gewalthaft zu realisieren versucht“, so Rupnow: „Das lange Zeit vorherrschende, übrigens aus der NS-Zeit herrührende Konzept des ‚Gastarbeiters‘, der das Land wieder zu verlassen hat, sobald seine Arbeitskraft nicht mehr benötigt wird, ist Ausdruck dieser Tatsache wie auch Mitursache für die gegenwärtige Leerstelle im öffentlichen Gedächtnis.“

Für sein Fach merkt Rupnow kritisch an, dass man die Fragestellungen rund um Migration und Migranten bisher zu sehr den Demografen, Geografen und Politologen überlassen habe. Was aber fehle, sei ein genuin historischer Zugang: Geschichte(n) statt die den öffentlichen Diskurs tatsächlich sichtbar dominierenden Statistiken, die auf ihre Art höchst problematisch und keinesfalls „objektiv“ seien.

Integration als „fragwürdiges Konzept“

Migration ist, wie die Forschergruppe zeigen will, eines der entscheidenden Elemente zum Verständnis der österreichischen wie auch der europäischen Nachkriegsgeschichte und Gegenwart - und zugleich, blickt man auf alle aufgeladenen Politdebatten über das Thema, gegenwärtig eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen.

Hinweis:

Dem Thema der Errichtung eines „Archivs der Migration“ widmet sich neben Aktionen auf der Wienwoche in nächster Zeit auch eine Diskussionsveranstaltung.

Am 5.10., 19.00 Uhr, findet in der Wienbibliothek im Wiener Rathaus eine Diskussion zu diesem Thema u. a. mit Wolfgang Maderthaner vom Österreichischen Staatsarchiv sowie Vida Bakondy und Ljubomir Bratic statt, die beide die Kampagne für ein Archiv der Migration vertreten.

Tatsächlich verändert sich derzeit die gesamte Gesellschaft tiefgreifend durch Migrationsprozesse und ihre Folgen. „Dies betrifft alle, die in dieser Gesellschaft zusammenleben, gleichermaßen“, so Rupnow. Damit werde auch das Konzept der „Integration“ fragwürdig, nehme man doch dabei fälschlicherweise immer noch einen „linearen Prozess der Assimilation“ an.

Doch Migrantinnen und Migranten assimilieren sich nicht bis zur „völligen Auflösung in einer Gastgesellschaft, die unverändert bleibt“, meint der Historiker: „Die Gesellschaft und Kultur, unsere Lebenswelten verändern sich unter dem Einfluss von Migration.“

Eigener Beitrag der Migrantinnen und Migranten muss sichtbar werden

Dementsprechend muss auch der Beitrag von Migrantinnen und Migranten zu dieser Gesellschaft, ihrer Geschichte und Gegenwart, sichtbar gemacht werden.

Akkilic und Bratic halten fest, „dass die MigrantInnen nach mehr als einem halben Jahrhundert Anwesenheit in Österreich nicht nur ihre eigene spezifische Geschichte besitzen, sondern schon längst integraler Bestandteil der großen nationalstaatlichen Erzählung geworden sind: Sie prägen und gestalten durch ihre Aktivitäten die Alltagswelt, sie sind AkteurInnen, und ihre Handlungen sind und werden zum Bestandteil der Weltgegend, in der sie sich unmittelbar befinden.“

Dies auch sichtbar zu machen, sei ein wichtiger Akt gesellschaftlicher Anerkennung, so die zwei Aktivisten: „Diese Tatsache gehört in allen gesellschaftlichen Bereichen anerkannt, nicht zuletzt auf der Ebene der Geschichtspolitik dieses Landes, auf der tagtäglich definiert wird, was ‚Österreich‘ ist und war. Wer in Österreich als Fremder seinen Platz finden will, der muss nicht nur die Mehrheitssprache erlernen. Teil des sogenannten Integrationsverfahrens ist ja die Kenntnis der nationalen Geschichte, je nach Bundesland abgestuft, das Wissen um wichtige Eckdaten und Ereignisse. Gefordert ist mithin eine Einordnung in ein nationales Gedächtnis.“

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