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Nur keine Angst
Dabei sind längst nicht alle Russen, die mit Kultur zu tun haben, gegen Präsident Wladimir Putin. Etwa die Buchhalterin eines Unternehmens, das in Kunst investiert: Sie rechtfertigt sich im Gespräch mit ORF.at ungefragt dafür, Putin zu wählen. Es gebe in Russland die große Masse, die nicht böse, aber leider nicht sehr intelligent sei - die „niederen“ Menschen. Und einen kleinen Kreis an „intelligenten Leuten“, denen sie angehöre.
Putin, sagt die Buchhalterin, mache Politik für die große Masse der „unintelligenten Leute“ - und das sei auch richtig - denn die würden sonst eine Revolution anzetteln, was nicht gut wäre, weil die doch so viele seien und dann den Kommunismus wieder einführen würden. Und wenn Pussy Riot die Unintelligenten provoziere - dann eben ab ins Gefängnis.
Der Faktor Pussy Riot
Genau darum - eine Revolution gegen das herrschende System - geht es Künstlern wie Haim Sokol. Er sagt, dass der Fall Pussy Riot ihn zum Nachdenken gebracht habe, über seine Kunst, über sein Leben, über sein Verhältnis zum Staat.
Künftig will er politische Kunst machen. Denn wie viele andere auch hätte er sich schon bisher kritisch geäußert - nicht aber kritische Werke geschaffen, zumindest nicht so offensiv, wie das nun unabdingbar geworden sei. Mit der Inhaftierung von Pussy Riot sei eine Grenze überschritten worden.
ORF.at/Simon HadlerHaim Sokol, im Hintergrund der KremlNun, sagt Haim, könne sich niemand mehr hinter formaler, ästhetischer Kunst verstecken, wie sie gerade so modern sei. Nun müsse man sich klar deklarieren. Die Aktion von Pussy Riot sei also ein voller Erfolg gewesen, weil sie Menschen zum Nachdenken und manche wie ihn sogar zum Umdenken gebracht habe.
ORF.at/Simon HadlerGraffiti auf dem Gehsteig beim KremlKein „Dritte-Welt-Ding“
Sokol gehört zu jener überschaubaren Gruppe junger russischer Künstler, deren Arbeiten auch international wahrgenommen werden. So stellt er seine Werke bei der aktuellen Viennafair für zeitgenössische Kunst aus. Und er verbrachte auf Einladung von Kulturkontakt Austria ein halbes Jahr als Artist in Residence in Wien.
Pussy Riot, sagt Haim, hat durch die Aktion in der Kirche nicht nur die internationale Aufmerksamkeit einmal mehr auf das System Putin gelenkt, sondern auch auf das zeitgenössische Kunstschaffen - das bisher eher als „Dritte-Welt-Ding“ wahrgenommen worden sei. Erst unlängst hätten drei internationale Galerien in Moskau geschlossen, weil sich die Kunst nicht verkaufen habe lassen, zumindest nicht zu den Preisen, die den Galeristen adäquat erschienen.
„Ist das Kunst?“
Aber nicht nur internationale Medien haben berichtet - auch russische Medien spielten das Thema Pussy Riot groß. Im Zentrum stand die Frage: Ist das Kunst? Und sie wurde mit Nein beantwortet - schließlich war die Musik im YouTube-Video aus der Kirche nicht „schön“ und der Tanz nicht elaboriert. Das Niveau der Debatte sei beschämend gewesen, moniert Sokol.
Onanie statt „Hirnwichsen“
Das sieht auch Denis Limonow so - und er tat seine Meinung auf drastische Art und Weise kund: Er onanierte vor der Pussy-Riot-Kirche neben Bildern der Aktionistinnen. „Es hat tatsächlich funktioniert“, grinst Limonow, „wenn auch nur eineinhalb Minuten lang.“ Seine Aktion sei weder für noch gegen Pussy Riot gerichtet gewesen.
ORF.at/Simon HadlerLimonow lässt sich weder von Putin noch von Lukaschenko einschüchternEr habe nur die mediale „Hirnwichserei“ kommentieren wollen. Freilich ist Limonow nicht neutral - als Aktionist steht er in derselben Tradition wie Pussy Riot. Limonow ist ein U-Boot, momentan lebt er vor den Behörden versteckt in einem Wald rund 100 Kilometer von Moskau entfernt.
Gegen Weiß- und Russland
Seit knapp einem Jahr hält er sich illegal in Russland auf. Limonow war aus Weißrussland geflohen, weil er dort als Kopf der Künstlergruppe Lime Blossom wegen ebenfalls drastischer Performances in Ungnade gefallen war. Limonow hatte etwa seinen Pass öffentlichkeitswirksam verbrannt und sich mehrerer Terrorakte zwischen 2005 und 2008 schuldig bekannt, um so zwei Verurteilte vor der Todesstrafe zu retten. In internationalen Medien wurde die Urheberschaft der Attentate dem weißrussischen Geheimdienst zugeordnet.
Nun bekämpft Limonow Putin, den großen Verbündeten von Europas letztem echten Diktator, dem weißrussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko. Limonow wurde bei seiner jüngsten Aktion vor wenigen Tagen von den Wächtern der Kirche vertrieben - aber die Polizei schaltete man diesmal nicht ein - offenbar will man, zumindest momentan, keinen zweiten Fall Pussy Riot riskieren.
ORF.at/Simon HadlerZahlreiche Wachen sichern jene Kirche, in der die Pussy-Riot-Aktion stattfandNur nicht mit der Kirche anecken
Die Mechanismen der Repression sind nicht leicht zu durchschauen, erklärt Sokol. Pussy Riot hätte ihre Aktion zuerst vor einem Gerichtsgebäude unbehelligt durchgeführt. Dann auf dem Roten Platz - auch das habe niemanden interessiert. Erst nach der Aktion in der Kirche wurden die Mitglieder von Pussy Riot festgenommen. Die Kirche ist für Putin wichtig, weil sie ihm zig Millionen Stimmen auf dem flachen Land draußen garantiert. Es komme also auf den Kontext an, erklärt Sokol, der selbst schon Ähnliches erlebt hat. Er schnitt aus einem Patchwork dreckiger Aufreibfetzen eine Landkarte Russlands aus.
Es sei kein Problem gewesen, das Werk in einer Galerie in Moskau zu zeigen. Doch dann wurde es Teil einer Ausstellung mit dem Titel Heimat, die auch in Novosibirsk, Krasnojarsk und Perm gezeigt werden sollte. Die Aufregung war durch diesen neuen Kontext, zumal in nationalistisch gesinnten Gegenden, so groß, dass sein Kunstwerk aus der Ausstellung schließlich entfernt wurde.
Marat-Gelman-Galerie/Haim Sokol„Hole“, von Haim Sokol; dreckige Aufreibfetzen und Russland als schwarzes LochSinnloser Stalin-Vergleich
Das System Putin sei komplex, sagt Sokol - und gerade deshalb ärgere ihn der ständige, vereinfachende Vergleich mit Stalin. Stalin sei ein Massenmörder gewesen. Die Kritik an Putin falle auf diese Weise zu wenig differenziert aus. Und der Vergleich sei zudem nützlich für Putin. Vor einem Stalin hätten alle Angst, und so halte man sich lieber zurück und wage es nicht, an Revolution zu denken. Die Demonstrationen gegen Putin seien zu wenig offensiv und nicht kreativ genug.
Kraniche retten und Oben-ohne-Fischen
Was eine Revolution betrifft, hegen ohnehin alle Beteiligten kaum Hoffnung - schließlich unterhält Putin die Masse der „Unintelligenten“, wie die Buchhalterin sie genannt hat, mit Aktionen wie Großwildjagden, Oben-ohne-Fischen und Kraniche per Motordrachen retten. Aber an Künstlern wie Denis Limonow und Haim Sokol würde die Revolution nicht scheitern. Sie sind bereit - und durch den Fall Pussy Riot erst so richtig motiviert.
Simon Hadler, ORF.at aus Moskau
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Publiziert am 10.10.2012