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Haim Sokols Kritik an „neutraler“ Kunst
Sokol wanderte mit seinen Eltern nach Israel aus, als er 17 Jahre alt war. Nach weiteren 16 Jahren kam er zurück, um seine Wurzeln zu suchen und um Künstler zu werden. Seit fünf Jahren lebt er nun in Moskau - und wird mit seinem Werk international zunehmend wahrgenommen. In Österreich verbrachte er ein halbes Jahr als Artist in Residence, eingeladen von Kulturkontakt Austria. Arbeiten von ihm sind auf der aktuellen Viennafair zu sehen. Einer seiner Schwerpunkte liegt auf kollektiver Erinnerung.
Marat-Gelman-Galerie/Haim SokolHaim Sokol: „Black scroll“ (2011)Das Interview fand in jenem Haus statt, das Stalin für seine Günstlinge errichten hatte lassen, mit großen, schönen Wohnungen. Doch fast jeder von ihnen fiel irgendwann in Ungnade - und wurde von dort in Richtung Gulag abtransportiert oder gleich getötet. Sokol nimmt im Gespräch darauf Bezug. Solche Geschichten, sagt er, würden die meisten Russen heute nicht mehr kennen.
ORF.at: Ist die mangelnde Vergangenheitsbewältigung ein Problem für die Demokratie?
Sokol: Ich glaube ja. Viele Menschen leben seit dem Umsturz gleichsam, als ob sie und dieses Land keine Geschichte hätten. Wichtig ist ihnen ein diffuses Bewusstsein, dass Russland eine sehr stolze und wundervolle Geschichte hat - aber sie wollen keine Details wissen.
Das mangelnde Geschichtsbewusstsein führt aber auch zum Vergleich Putins mit Stalin durch kritische Bürger. Dieser Vergleich hinkt und ist problematisch. Wenn wir sagen, dass Putin der Stalin von heute ist - dann kämpfen wir ja gegen Geister und Windmühlen, nicht gegen das herrschende System.
Wir müssten viel aufmerksamer analysieren, was heute tatsächlich vor sich geht. Wenn wir sagen, Putin ist Stalin, stecken wir fest und kommen nicht weiter, weil wir Angst haben, vor dem Terror, vor dem Gulag - und deshalb wollen wir keine Revolution. So hat auch Putin etwas von diesem Denken.
ORF.at: Ist die Angst immer präsent? Befürchten Künstler, dass die Polizei kommt? Oder verwechselt man da wieder Putin mit Stalin?
Sokol: Gefährlich ist es schon, kritischer Künstler zu sein - aber die tatsächliche Gefahr hängt sehr davon ab, wie viel Risiko man eingeht. Pussy Riot sind in die Kathedrale gegangen und haben dort ihre Performance gemacht. Das war zu viel für Putin - und vor allem zu viel für die Kirche. Vorher haben sie dasselbe schon überall gemacht: auf dem Dach eines Busses, vor dem Gericht - es war jedem egal. Es kommt auf den Kontext an.
Ein Beispiel aus meiner Erfahrung: Letztes Jahr habe ich aus einem Patchwork aus Aufreibfetzen die Konturen Russlands ausgeschnitten und den Rest vor eine schwarze Wand gehängt. Man sieht also das schwarze Loch Russland, umgeben von Dreck. Die Arbeit heißt „Das Loch“. Ich habe das Kunstwerk in der renommierten Gelman-Galerie in Moskau gezeigt. Es ist länger als einen Monat dort gehängt, und es war jedem egal.
Dann hat Gelman - ein Galerist und sehr politischer Kurator - das Werk zu einer Ausstellung, die Heimat hieß, mitgenommen. Er zeigte die Ausstellung zuerst in Perm, dann in Novosibirsk und in Krasnojarsk. Im Zusammenhang mit dem Begriff Heimat wurde die Arbeit plötzlich als unpatriotisch wahrgenommen. Die Kasachen in Novosibirsk und in Krasnojarsk haben geschäumt vor Wut - wie verrückt. Schließlich wurde die Arbeit aus der Ausstellung entfernt, sie wurde in Novosibirsk und Krasnojarsk nicht gezeigt.
Irgendwie lustig: So viel Aufregung, dabei ist das eigentlich nicht die beste Arbeit meiner Karriere. Sie ist groß, aber nicht brillant. Es ist lustig, wie der veränderte Kontext auch die Wahrnehmung des Kunstwerks veränderte. Wenn man einmal einen Schritt weit vorwärts geht, kann man nur noch sehr schwer zurück in dieser Hinsicht.
Marat-Gelman-Galerie/Haim SokolHaim Sokol: „Flag“ (2011)ORF.at: Gibt es unter den Künstlern hier in Moskau eine revolutionäre Grundstimmung - oder ist das etwas, was nur wir im Westen uns gerne einbilden? Der arme, revolutionäre Künstler als Held - ist der alte Topos ein unrealistisches Bild?
Sokol: Es gab da eine sehr deutliche Wende. Als ich 2007 gekommen bin, hatte man noch das Gefühl, dass die Community zusammenhält. Jeder kannte jeden. Es gab nur einen „generation gap“. Ich habe das Gefühl, dass es eine scharfe Trennung zwischen unterschiedlichen Gruppen gibt. Es gibt eine Gruppe konservativer Künstler, die sehr antirevolutionär ist. Sie werden hier „liberal“ genannt - aber in einem negativen Sinn, als Gegensatz zu links.
Sie sind nicht für Putin. Sie kritisieren das Regime - aber nicht den Kapitalismus. Sie dringen nicht bis zur Wurzel des Problems durch. Sie hängen sich an den traditionellen liberalen Diskurs an. Sie treten für die Freiheit des Individuums ein und die ökonomische Freiheit - aber sie sind sehr anti-links geworden.
Dann gibt es die junge linke Gruppe. Und zwischen diesen beiden Gruppen gibt es eine sehr neutrale Bewegung, die einmal links, dann wieder liberal ist. Sie machen sehr auf die Form bedachte, neutrale Kunst. Ich nenne das den postkonzeptionellen neuen Formalismus - der überhaupt in Europa momentan weit verbreitet ist. All die Stangen und Regale und Holzstücke - sehr abstrakt, sehr neutral. Also haben wir verschiedene, kleine Gruppen.
Die linke Gruppe ist sehr aktiv. Leider merkt man davon aber meist nichts in ihrer Kunst selbst. Es gibt also politische Künstler - aber kaum politische Kunst. Die Ereignisse rund um Pussy Riot haben mich dazu veranlasst, ganz neu über meine Art, Kunst zu machen, nachzudenken - und über die Kunst, die um mich herum gemacht wird. Die Künstler begnügen sich mit einem Minimum an Politik. Sie nehmen ihr neutrales Stückchen Holz und deklarieren sich als links.
Aber sie berühren keine wirklich wichtigen Themen - wie zum Beispiel Gewalt; alle Arten von Gewalt: sexuell, politisch, symbolisch. Ich würde mir sehr etwas mehr langweilige, akademische Kunst wünschen, in der solche Themen reflektiert werden. Wir beschäftigen uns mit der Form, mit dem Material, all das auf eine sehr traditionelle, konservative Art und Weise. Sogar wenn wir konzeptionelle Kunst machen - geht es immer noch um Material und Form - und nicht um existenziell wichtige Themen wie Gewalt und Migration. Ich kenne vielleicht drei oder vier Künstler, die sich mit Migration auseinandersetzen - obwohl es in dieser Hinsicht in Russland und besonders in Moskau große Probleme gibt.
Haim SokolHaim Sokol: „Garden“ (2011)Ich habe einmal mit einem Immobilienmakler gesprochen. Er hat erzählt, dass er zwei Monate lang versucht hat, eine Wohnung für eine Familie aus Dagestan zu finden. Er hat dann aufgegeben. Niemand vermietet Menschen aus Dagestan in Moskau eine Wohnung. Als ich das auf Facebook gepostet habe, war die Reaktion einhellig: „Naja, Haim, das ist die Realität hier, ist Dir das etwa neu?" In den meisten Wohnungsanzeigen liest Du: „Kein Kaukasus, nur für Slawen, nur für Russen.“ Und die Künstler nehmen sich solcher Themen nicht an! Und wenn ich das auf Facebook poste, heißt es nur sinngemäß: „Fuck you!“ Das ist falsch! Was kommt als Nächstes? Keine Wohnungen für Juden und Protestanten?
Jetzt haben wir schon drei Themen: Migration, Gewalt, Geschichte. Es gibt schon Künstler, die sich mit Erinnerung beschäftigen - aber auf eine sehr persönliche Art und Weise. Durch die persönliche Erinnerung dringen wir zur kollektiven Erinnerung durch. Da sind sehr gute Künstler dabei. Aber so, wie europäische, deutsche, österreichische Künstler sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus auseinandersetzen - so hart - das gibt es hier nicht. Noch nicht jetzt - ich hoffe, das kommt noch.
Also: Sogar die politisch engagierten Künstler machen noch immer sehr konsensuelle, konventionelle Kunst - nicht jene des Widerspruchs. Auch ich. Ich nehme mich von dieser Gruppe nicht aus. Wir beschäftigen uns noch immer mit Material und Form. Nach der Aktion von Pussy Riot gab es die Diskussion: Ist das Kunst? Das ist keine Kunst. Und wenn es Kunst ist - ist es dann gute Kunst oder schlechte Kunst? Verdienen sie den Kandinsky-Preis oder nicht?
Ich denke, dass all diese Diskussionen von diesem Regime der symbolischen Gewalt herrühren. Wir nehmen Kunst noch immer als etwas Essenzielles an, das wir definieren können. Es gibt grundlegende Werte, die wir nur finden müssen. Ich halte das für falsch. Aber dieses Denken existiert.
ORF.at: Bestimmte diese Art zu denken auch die Medienberichterstattung über Pussy Riot?
Sokol: Es gab Interesse, wie es typisch für Medien ist, im Sinne von: „Wow, die haben etwas Ungewöhnliches gemacht und wurden dann verurteilt.“ Die Medien verstehen die Hintergründe nicht. Wir leben hier in Russland in einer Atmosphäre, in der zeitgenössische Kunst nicht verstanden wird. Die Medien denken nicht in Begriffen, mit denen man zeitgenössische Kunst fassen kann. Sie fragen: Ist es Kunst oder nicht? Also gehen sie zu Experten. Und die sagen: Ja, es ist Kunst. Andrej Jerufejew etwa, ein bekannter Kurator, erklärte Pussy Riot zu Aktionismus und verglich die Gruppe mit den französischen Lettristen.
Man kann Pussy Riot schon aus der Kunstgeschichte heraus erklären. Aber ich denke, dass schon die Frage selbst, ob das nun Kunst ist oder nicht, lächerlich ist. Dennoch: Natürlich ist es Kunst, weil Pussy Riot viele Menschen zum Nachdenken über Fragen gebracht hat, von denen sie nicht einmal wussten, dass sie existieren. Es war ein harter Schlag auf die Köpfe.
ORF.at: Also hat Pussy Riot etwas verändert, weil Menschen wie Du ihre Standpunkte ihre Haltung überdacht haben?
Sokol: Genau. Man darf sie natürlich kritisieren. Aber ich finde es nicht korrekt, weil sie schließlich im Gefängnis sitzen. Ich glaube, dass sie ein großes Umdenken ausgelöst haben - bei vielen Menschen, etwa bei mir.
ORF.at: Sind die Medien, die Öffentlichkeit - und auch potenzielle Käufer - in Russland überhaupt an junger, zeitgenössischer Kunst interessiert?
Sokol: Die Kunst verkauft sich nicht. Erst unlängst gab es eine intensive Debatte über den Kunstmarkt in Russland. Gelman zum Beispiel hat gesagt: Es gibt keinen Markt mehr. Alle, die so etwas gekauft haben, sind nach Europa gegangen und kaufen jetzt europäische, nicht mehr russische Kunst. Mindestens drei Galerien haben das Winzavod Centre for Contemporary Art verlassen, wo sich die wichtigsten Galerien befinden. Und Gelmann ist kein Galerist mehr und auch andere sind gegangen.
In den Medien spielt zeitgenössische Kunst kaum eine Rolle. Hin und wieder gibt es einen kurzen Artikel auf den Kulturseiten der Zeitungen. Man kennt die wenigen Menschen alle, die über diese Kunst schreiben. Und die sind nicht gerade links - die sind liberal. Es gibt also auch hier den Clash der Ideologien. Die Menschen draußen auf der Straße - wenn die über zeitgenössische Kunst sprechen, dann nur auf sehr negative Art und Weise. Diese Kunst ist schlecht, falsch und ekelhaft. Und überhaupt: alles ein Schwindel, alles keine Kunst.
ORF.at: Wenn man sich hier dafür entscheidet, Künstler zu werden, dann, obwohl man weiß, dass man kein Geld bekommt, dass sich die Öffentlichkeit dafür nicht interessiert und dass man sogar noch Probleme mit der Polizei bekommen kann. Wieso entscheidet man sich dennoch für die Kunst?
Sokol: Mit Walter Benjamin möchte ich sagen: Es gibt eine spezielle Aura dieses Berufs. Bei Ärzten ist das ähnlich - obwohl das Studium schwer ist und man nicht leicht einen Job finden, fangen trotzdem jedes Jahr Tausende an, Medizin zu studieren. Ähnlich ist es mit der Kunst. Es fangen zwar nicht Tausende an, aber doch immer mehr. Auch wenn es nicht stimmt: Die Menschen - vor allem junge - glauben, dass man als Künstler freier ist. Und dafür nimmt man alles in Kauf - die Armut, die Angst vor der Polizei und so weiter.
Haim SokolHaim Sokol: „Desinfektion“ (2011)Aber es tut sich auch etwas in Sachen zeitgenössischer Kunst. Das Museum Zeitgenössischer Kunst zeigt gerade Beuys. Für Europäer ist das nichts Besonderes, aber es ist die erste ernsthafte Beuys-Ausstellung in Russland. Und das Multimediamuseum ist ebenfalls sehr gut. Dort wird David Ter-Oganyan ausgestellt, dem dieses Jahr der Henkel-Preis verliehen wurde. Es ist also nicht alles verloren in Sachen zeitgenössischer Kunst.
ORF.at: Was bringt Medienberichterstattung im Ausland wie etwa jene über Pussy Riot?
Sokol: Sie erhöht die Wachsamkeit gegenüber Entwicklungen in Russland - und das ist natürlich auch für die zeitgenössische Kunst hier gut. Die wird nämlich normalerweise als ein nicht sehr spannendes Dritte-Welt-Ding wahrgenommen. Die Kuratorin der documenta, Carolyn Christov-Bakargiev, sie wollte eigentlich nicht einmal nach Russland kommen. Eine finanzstarke Firma hat sie dann hergebracht.
Nach Pussy Riot gibt es hoffentlich mehr internationale Aufmerksamkeit für russische zeitgenössische Kunst. Auch wenn noch immer kaum etwas verkauft wird - was vielleicht auch daran liegt, dass die russischen Experten, die Käufer beraten, etwas seltsame Experten sind.
ORF.at: Und was sind Ihre Hoffnungen für die Vienna Art Fair?
Sokol: Sie sind gering. Ich freue mich, dass sich eine europäische Kunstmesse dem Osten zugewandt hat - besonders Russland. Aber zu viel erwarte ich mir heuer nicht davon. Vielleicht schaut das in zehn Jahren schon anders aus. Aber ich bin verliebt in Wien und freue mich schon sehr zu kommen und meine Freunde wiederzutreffen.
Das Gespräch führte Simon Hadler, ORF.at aus Moskau
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Publiziert am 10.10.2012