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„Arabischer Frühling“ als Nagelprobe

Spindoktoren, Lobbyisten und PR-Agenturen sind aus der Politik kaum mehr wegzudenken. Und das gilt freilich nicht nur für westliche Demokratien, wo es vor allem darum geht, Wähler oder Entscheidungsträger von der Richtigkeit und Notwendigkeit der eigenen Ideen zu überzeugen. Auch mehr oder weniger autoritäre Regime setzen auf professionelle Öffentlichkeitsarbeit, um ihr Image aufzupolieren - ein mehr als lukratives Geschäft für westliche PR-Agenturen.

Problematisch wird es aber dann, wenn das Image des Kunden kaum mehr zu retten ist und damit auch der Ruf der Beraterunternehmen selbst gefährdet wird. Paradebeispiel war der „arabische Frühling“: Als diverse Regime begannen, mit Gewalt gegen Demonstranten vorzugehen, zogen sich einige Unternehmen aus dem Raum zurück. Bei anderen sprangen Mitglieder der Führungsetage ab, um sich selbstständig zu machen. Doch einige Firmen blieben auch - und machten noch mehr Kasse.

Bahrain bezahlt 18 Agenturen

Laut der Website Bahrainwatch hat das arabische Königreich Bahrain seit Beginn der Proteste 32,5 Millionen Dollar an Honoraren für 18 verschiedene PR-Unternehmen aus London und Washington bezahlt. Nach der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste im Vorjahr war das Formel-1-Rennen abgesagt worden. Dass der Grand-Prix-Zirkus zurückkehrt, war eine der Hauptaufgaben der Agenturen für Imagepflege - und das gelang. Im April 2012 fand das Rennen wieder statt.

Tiefe Einblicke offenbart auch ein Vorfall diesen Mai. Als die Menschenrechtsaktivistin Marjam al-Chawaja am Oslo Freedom Forum über die Gewaltwelle der bahrainischen Regierung referierte, setzte binnen Minuten eine PR-Maschinerie ein. Von etlichen Twitter-Accounts aus wurde dir Frau als Extremistin, Lügnerin und Handlangerin des Iran diffamiert. Die E-Mail-Adresse des Freedom Forums wurde ebenfalls mit Nachrichten bombardiert, wonach sie ein Feind des bahrainischen Volkes und eine Verräterin sei.

Tiefe Einblicke in die Machenschaften

Eine der von Bahrain engagierten Agenturen ist die Londoner PR-Firma Bell Pottinger. Ihre Arbeitsweise wurde im Vorjahr von verdeckt recherchierenden Reportern des Bureau of Investigative Journalism demaskiert. Sie gaben sich als Vertreter Usbekistans aus und kontaktierten zehn Londoner Unternehmen für PR-Dienste. Fünf erklärten sich bereit, mit der als höchst repressiv bekannten Regierung zusammenzuarbeiten. Bell Pottinger ging den Reportern in die Falle. Bei zwei Treffen plauderten Vertreter der Firma offen aus dem Nähkästchen, hieß es im „Independent“, der die Story veröffentlichte.

Manipulationen im Netz

Man habe beste Kontakte zu Premier David Cameron und Schatzkanzler George Osborne, es sei kein Problem, Botschaften bei ihnen unterzubringen, meinten hochrangige Vertreter der Agentur. Usbekistan sollte sich als „boomender Markt“ positionieren, damit signalisiere man, dass sich das Land schnell verändert und dazulernt. Neben Lobbying-Arbeit in der Politik bot man auch die Erstellung von als unabhängig getarnten Blogs an, die das Land im positiven Licht darstellen. Suchmaschinenergebnisse könnten genauso manipuliert werden wie Wikipedia-Einträge. Und mit der Zusammenarbeit mit „problematischen“ Ländern habe man kein Problem, hieß es bei den Gesprächen. Rund 100.0000 Dollar pro Monat würde das allerdings kosten.

Thatcher, Pinochet, Lukaschenko

Tatsächlich eilt Bell Pottinger ein Ruf voraus. Mastermind Lord Timothy Bell war Berater der ehemaligen britischen Premierministerin Margaret Thatcher, später zählte der chilenische Diktator Augusto Pinochet zu seinen Kunden. Als Sri Lanka gewaltsam gegen die aufständischen Tamilen vorging, betreute die Agentur die Imagepflege des Landes. Und auch den „letzten Diktator Europas“, den weißrussischen Staatschef Alexander Lukaschenko betreute die Agentur von 2008 bis 2009 - also ausgerechnet in jener Zeit, in der die EU die Sanktionen gegen das Land vorübergehend lockerte.

Auch der russische Milliardär Boris Beresowski ist Klient - und persönlicher Freund Bells: Dass der Tod des russischen Kreml-Kritikers Alexander Litwinenko an den Folgen einer mysteriösen Polonium-Vergiftung Ende 2006 in London derart medial in Szene gesetzt wurde, war ebenfalls der Agentur zu verdanken.

Schlecht für das eigene Image

Andere zeigten während des „arabischen Frühlings“ schon Nerven. Die US-Agentur Qorvis hatte Jemen, Bahrain und Saudi-Arabien als Klienten, die allesamt mit Gewalt gegen die Proteste vorgingen. Die Huffington Post berichtete im Vorjahr, dass auch mehr als ein Drittel der höchsten Führungsetage das Unternehmen verließ und sich selbstständig machte.

„Ich habe einfach Probleme damit, despotischen Diktatoren zuarbeiten, die ihre eigenen Leute umbringen“, sagte einer von ihnen der Nachrichtenwebsite. Ob die PR-Arbeiter wirklich ihr gutes Gewissen entdeckt haben, bleibt zumindest zu bezweifeln: Gerade in einer Branche, in der es nur ums Image geht, werden wohl auch die Manager selbst auf ihren Ruf achten. In dem Unternehmen selbst hieß es damals unter der Hand, viele der unangenehmen Klienten habe man über die Partnerschaft mit Bell Pottinger. Dort hätte man „null Gewissen bei dem, was man macht“.

Diktator als Tierschützer

Vor dem „arabischen Frühling“ hatte es aber auch Qorvis nicht so genau genommen - oder die Gewissensbisse mit ordentlichen Zahlungen gelindert. Von Saudi-Arabien etwa erhielt man 202 einen Vertrag über 14 Millionen Dollar pro Jahr, um das Image des Landes nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wieder aufzuhellen.

55.000 Dollar erhielt Qorvis aus Äquatorialguinea als Kunden: Der seit über drei Jahrzehnten herrschende Machthaber Teodoro Obiang Nguema, er war 1979 durch einen blutigen Putsch gegen seinen eigenen Onkel Francisco Macias an die Macht gekommen, gilt als einer der grausamsten Diktatoren Afrikas. Mit Hilfe von Qorvis erschienen dennoch Berichte, wonach sich der Herrscher um den Schutz bedrohter Tierarten des Landes sorgt und ab und zu einige Oppositionelle begnadigt.

Ein Kunde nach den Umwälzungen war auch Ezz Industries des mächtigen ägyptischen Stahlindustriellen Ahmed Ess, Günstling des im Februar 2011 gestürzten Präsidenten Hosni Mubarak. Dass Qorvis ein „transparentes Justizsystem in Ägypten“ promoten sollte, half ihm wenig: Er wurde wegen Korruption zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Lukrative Verträge

Die US-Lobbyingagentur Patton Boggs arbeitete lange Zeit für Ägypten und Saudi-Arabien. Die Livingston Group lobbyierte 2008 und 2009 für Libyen und erhielt 2,4 Millionen Dollar. Auch die PR-Firma Brown Lloyd James hatte in dieser Zeit dort einen lukrativen Vertrag. Das US-Unternehmen fädelte im Vorjahr auch ein hymnisches Interview mit der syrischen Präsidentenfrau Asma al-Assad für die „Vogue“ ein. Das erschien just, als dort die Aufstände begannen. Zwei Monate später schlug die Agentur dem Regime, das bereits mit Gewalt gegen Proteste vorging, noch ein PR-Konzept vor.

Die Washington Media Group wiederum beschrieb Tunesien wenige Monate vor der Revolution als „stabile Demokratie“ mit einer „wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte“. Teil des 420.000-Dollar-Deals war auch die „Modifikation“ von Wikipedia-Beiträgen zu Tunesien. Mit Beginn der Proteste zog sich die Agentur zurück.

Christian Körber, ORF.at

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