Dänische Liebe zum Detail
„Ameisenstuhl“, „Ei“ und „Schwan“ - beinahe jeder hat sie nicht nur schon einmal gesehen, sondern auch schon auf ihnen Platz genommen, nicht selten auf einem Imitat: Die Stuhl- und Sesselkreationen von Arne Jacobsen sind moderne Klassiker. Umso aufregender ist es, sie nun im Ambiente eines Jugendstil-Foyers im Rahmen der Vienna Design Week neben den Arbeiten seines Zeitgenossen Poul Kjearholm wiederentdecken zu können.
Die Kreationen sprechen die Sprache der Zeit und der Zeitlosigkeit zugleich. Wenn sich das Wagner:Werk in der Wiener Postsparkasse dem „Dansk Möbel Design“ verschreibt, dann verweisen die ausgestellten Möbel klar auf die Nachkriegsära, die 1950er und 1960er Jahre. Zugleich stehen sie mittlerweile als zeitlose Klassiker mit Vorbildwirkung da.

Republic of Fritz Hansen
Arne Jacobsen - oder die zeitlose Zeitreise zurück in die 1950er Jahre
In der Zeit, in der Arne Jacobsen seine international am längsten nachwirkenden Stuhl- und Sesselkreationen schuf, ist er in seiner Heimat Dänemark bereits ein Star und bis über die Grenzen des Königreichs bekannt.
Erste Arbeiten als Architekt
Zu Beginn seiner Karriere trat Jacobsen vor allem als Architekt hervor - zunächst mit einer Reihe von Bauprojekten in den 1930er Jahren wie der Bellavista-Siedlung in der Kopenhagener Vorstadtkommune Klampenborg am Öresund.
Knapp vor seiner Flucht vor den Nationalsozialisten nach Schweden hinterließ Jacobsen zusammen mit Eric Möller das Rathaus der jütländischen Stadt Aarhus, in dem beide Architekten die Liebe zu klaren Formen und Linien - gegen die Liebe der Auftraggeber zu doch etwas verspielteren Formen - durchsetzten.
Es zählt auch die Feinarbeit
Dass die Liebe zur klaren Form mit einer Liebe zum Detail verbunden ist, macht die Möbelschau im Wagner:Werk nun deutlich. Jacobsens berühmter Stuhl „Myren“ aus dem Jahr 1952 spricht etwa von dieser Liebe zur ausgetüftelten Feinarbeit, wie Ausstellungskurator Wolfgang Förster deutlich macht.
Die eigenwillig gerundete Form der Sitzschale folgt durchaus den Bedürfnissen des Rückens und ist zugleich von hoher Eleganz. Die mehrfach verleimten Holzschichten seien wiederum auch mit Leinen verbunden, so Forster. Der Effekt: Der Stuhl gibt beim ersten Sitzkontakt leicht nach, er schwingt mit der Bewegung des Nutzers zart mit.

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Arne Jacobsen in der Schale seiner „Schwan“-Kreation
Die Arme des „Schwans“
Wie sehr der Form-folgt-Funktion-Zugang Jacobsens zur konkreten Poesie wird, zeigen die Polstermöbel „Ei“ („Aegget“) und „Schwan“, deren Armlehnen sich wie Flügel um den Sitzenden schwingen. „‚Aegget‘ ist eines der meistfotografierten Sitzmöbel überhaupt“, erinnert die Leiterin des Wagner:Werks, Monika Wenzel-Bachmayer.

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Nach dem „Schwan“ kommt die Kantigkeit: Jacobsens Entwürfe für das SAS-Hotel in Kopenhagen
In zwei Schausituationen macht Möbelausstellung auch deutlich, wie eng Jacobsens Möbelarbeiten mit seinen architektonischen Projekten verbunden waren - sei es im Fall des SAS-Hotels in Kopenhagen oder auch des in den frühen 1960er Jahren errichteten St. Catherine’s Colleges in Oxford, für das Jacobsen ja nicht nur die Architektur schuf, sondern gleichzeitig eigene Möbel (und Lampen) entwickelte, die für sehr unterschiedliche Funktionen im Tagesleben eines Colleges dienen sollten. Zu sehen ist in der Postsparkasse aus diesem Auftrag neben zwei Loungemöbeln die Aufnahme eines von Jacobsen für die Professoren-Essrunde erdachten Hightables.
Auch Jacobsen war ein Provokateur
So sehr uns Jacobsen Kreationen heute wie zeitlose, unumstrittene und unumstößliche Klassiker erscheinen, so sehr waren sie in ihrer Zeit auch Provokationen - gerade durch die Einfachheit, wie Kurator Förster am Beispiel der sehr nüchternen Polstermöbel des SAS-Hotels in Kopenhagen erinnert. Hier hat sich Jacobsen wieder der kantigen und weniger organischen Design-Linie verschrieben.

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Jacobsens letztes Projekt, knapp vor seinem Tod: die dänische Nationalbank
Kjaerholm: Harter Stahl, weiche Verbindungen
Die parallel mit Jacobsen ausgestellten Arbeiten von Poul Kjearholm beweisen eine ebenso deutliche Liebe zur Kantigkeit. Kaerholm bevorzugt deutlich Metall und Stahl als Träger seiner filigranen Arbeiten - etwa bei der „Liege PK24“ (1964), in der die Sitzebene mit dem Korbgeflecht nur an wenigen Punkten auf dem parallel geschwungenen Stahlkörper aufliegt. Überhaupt wird gerade bei Kjaerholm die Liebe der Dänen zum Detail des Möbelbauens deutlich.

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Poul Kjaerholm: Stahl, Marmor und Leder im Otto-Wagner-Ambiente
Ins Auge fällt dabei die Kreativität, etwa wenn Kautschukbänder die Verbindung zwischen eleganter Lederpolsterung und massivem Stahlgestell bilden. „Schauen Sie, das sind gerade einmal vier Gummiringerl, die diese Nahtstellen bilden“, sagt der Kurator freudestrahlend, als der das Leder lüpft und auf den Unterbau des Möbels blicken lässt.
Möbel bauen als Denksport
Auch Tischerweiterungen sprechen von Kreativität und der Denkarbeit im Vorfeld der Möbelkonzeption. Eine runde Marmorplatte lässt sich bei Kjearholm durch die Andockteile erweitern - und einmal mehr sind es Kautschukbänder, die die Anbauteile so simpel wie effektiv miteinander verzahnen.
In Wien wird die Schau mitgetragen vom eingesessenen dänischen Familienbetrieb Fritz Hansen, der ja einst schon die Werke produzierte - und ausgewählte Stücke von Jacobsen und Kjearholm noch heute in seinem Programm hat.
Ausstellungshinweis
„Dansk Möbel Design. Arne Jacobsen und Poul Kjaerholm für Fritz Hansen“, 2. Oktober bis 17. November, Wagner:Werk in der Wiener Postsparkasse, montags bis freitags 9.00 bis 17.00 Uhr, samstags 10.00 bis 17.00 Uhr, Eintritt frei.
Der Witz an der kleinen und zugleich feinen Schau in der Postsparkasse ist sicherlich das Zusammentreffen dieser Nachkriegsklassiker mit dem Jugendstil-Ambiente Otto Wagners. Nicht zuletzt die Präsentation von Möbeln in einer klaren Lichtsituation eint den österreichischen Frühweg in die Moderne mit den Nordlichtern des Designs.
Wer wissen will, wie stark die Kreationen Jacobsens und Kjearholms nachwirken, der darf sich nicht nur auf einen der vielen Design-Walks in den kommenden Tagen begeben. Auch benachbarte Möbelhäuser künden davon, wie sehr die Sprache der Dänen zum internationalen Stil geworden ist: Designer aus aller Herren Länder bedienen sich freizügig ihrer „Neu“-Entwürfe.
Gerald Heidegger, ORF.at
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