Themenüberblick
Ein YouTube-Sender für jede Nische
„Wir wollen jene Bereiche abbilden, für die im Fernsehen sonst kein Platz ist, da sich zu wenige Zuseher dafür interessieren“, so YouTube-Sprecherin Mounira Latrache gegenüber ORF.at. Bereits vor einem Jahr hat YouTube die ersten Spartenkanäle mit speziell dafür produzierten Inhalten in den USA gestartet. Sie bestehen aus kurzen Videos zu bestimmten Themen, etwa Cartoons, Extremsport oder Technik.
„Jede ausgeflippte Idee für ein Programm ist möglich, solange sie mit unseren Grundregeln vereinbar ist“, so Latrache. Einer der meistgesehenen US-Kanäle ist etwa ein Gaming-Sender, den 600.000 Abonnenten regelmäßig verfolgen. Auch Red-Bull-TV gehört zu den meistgesehenen US-Angeboten.
Jetzt kommen zu den bisher mehr als 100 englischsprachigen Kanälen 60 weitere dazu, unter anderem auch aus Deutschland, Großbritannien und Frankreich. Unter den Kanälen, die Ende des Jahres online gehen sollen, ist etwa „Boneless“, der „Action und Spaß aus der Welt des Fun- und Extremsports“ verspricht. Für „Ponk“ werden Comedy-Clips in einer deutschen Wohngemeinschaft gedreht, bei „Happy & Fit“ geht es um Gesundheit und Wohlbefinden, „Short Cuts: The Short Movie Channel“ will sich als Kurzfilmsender etablieren. Ein eigenes Angebot aus Österreich ist bisher nicht im Programm.
Google bezahlt „Aufwandsentschädigung“
Die Videos werden dabei von Partnern produziert, YouTube stellt die Plattform zur Verfügung. In den Aufbau dieser hat YouTube-Eigner Google 100 Millionen US-Dollar (76,7 Mio. Euro) investiert, weitere 200 Millionen US-Dollar (153 Mio. Euro) sollen noch in Inhalte und Marketing fließen, berichtete die „New York Times“. Google bezahlt die Partner zwar für ihre Inhalte, das sei laut YouTube-Sprecherin Latrache aber mehr als „Aufwandsentschädigung“ zu sehen, die man investiere, damit das neue Ökosystem in Gang komme.
Google selbst verdient Geld mit vorgeschalteten Werbeclips, die Nutzer jedoch auch überspringen können. Je nach Abmachung bekomme der jeweilige Partner mindestens die Hälfte der Werbeeinnahmen, der Rest gehe an Google, so Latrache.
Der US-Werbemarkt:
Derzeit sind die Zahlen auf dem Werbemarkt noch klar verteilt. Laut Schätzungen des Marktforschers eMarketer werden in den USA in diesem Jahr knapp drei Milliarden US-Dollar (2,3 Mrd. Euro) für Videos auf Onlineplattformen ausgegeben, fast eine Milliarde mehr als im Vorjahr. In klassische TV-Werbung werden 64 Milliarden US-Dollar (49 Mrd. Euro) investiert.
Der Kampf um die Werbeeinnahmen
Als Konkurrenz für traditionelle Fernsehsender will Google das neue Fernsehangebot freilich nicht verstehen. Doch auch wenn in diesem Fall keine inhaltliche Rivalität besteht, rittern beide TV-Welten um die Einnahmen durch Werbung. Denn mit der Umleitung der Seher auf Onlineplattformen könnten die Werbeeinnahmen folgen.
Das Verhältnis des Mutterkonzerns Google zu den deutschen Privatsendern ist angespannt. Zuletzt wetterte ProSiebenSat.1-Chef Thomas Ebeling, der Suchmaschinenbetreiber profitiere über seine Videoplattform YouTube von „massenhafter Verletzung des Urheberrechts und unternimmt zu wenig, um dagegen vorzugehen“.
YouTube-Sprecherin Latrache sieht im Gespräch mit ORF.at hingegen keine Überschneidungen mit dem klassischen Fernsehen. „Wir sehen, dass beide Plattformen gewinnen. Die Sehdauer, die man vor dem Fernseher verbringt, steigt trotz Onlinevideos weiter an“, so Latrache. Zudem unterscheide sich die Art des Medienkonsums.
YouTube würde eher unterwegs auf dem Smartphone konsumiert, bereits ein Viertel der Zugriffe erfolge von Mobilgeräten (in einigen Ländern wie Korea bereits die Hälfte). Insgesamt habe sich der mobile Traffic binnen des Jahres 2011 verdreifacht, so die YouTube-Sprecherin.
Nutzer sollen Werbespots bewusst zu Ende sehen
Im Rennen um die Werbeeinnnahmen setzt YouTube auf das „TrueView“-System: Dabei können Werbefilme nach kurzer Zeit weggeklickt werden. Der US-Konzern hofft jedoch, dass durch das Einblenden immer passenderer Werbespots diese von dem Nutzer bewusst zu Ende geschaut werden und die werbenden Firmen dann bereit sind, mehr zu bezahlen.
In weiterer Folge plane YouTube die gezielte finanzielle Förderung der erfolgreichsten YouTube-Spartenkanäle, zitiert das „Wall Street Journal“ einen Google-Manager. Langfristig sollen die Kanäle schließlich komplett durch Werbeeinnahmen getragen werden können.
Amazon, Netflix und Hulu mit eigenen Plänen
Ob dieser Plan aufgehen wird, bleibt abzuwarten. Denn auch die Onlinekonkurrenz schläft nicht und bereitet entsprechende Angebote für die begehrte Werbezielgruppe der meist jüngeren Internetnutzer vor. Der Amazon-Konzern sowie die Streaminganbieter Netflix und Hulu haben bereits in den USA eigene Spartenprogramme angekündigt.
Links:
- Die YouTube-Spartenkanäle
- Google Unternehmensinfos
- EMarketer
- Bericht der „New York Times“
- Bericht bei Digitaltrends.com
Publiziert am 08.10.2012