Themenüberblick
Spuren der vergänglichen Kunst
Der zeitliche Rahmen von „Ends of the Earth“ erstreckt sich von den 1960er Jahren bis 1974, als sich im Kontext von Landart Strömungen wie Konzeptkunst, Minimal Art, Happening, Performancekunst und Arte Povera stärker herausbildeten und auseinanderbewegten. Die Gründungsmomente der Gattung Landart machen die Kuratoren an drei Punkten fest. Einerseits an der 1968 in der New Yorker Galerie von Virginia Dawn gezeigten Schau „Earth Works“ und der nur wenige Monate später von Willoughby Sharp gestalteten Ausstellung „Earth Art“ 1969 im Andrew Dickson White Museum of Art.
TV-Sendung als Namenspate
Als dritte Wegmarke setzt das Haus der Kunst Gerry Schums Fernsehgalerie fest. Die erste Sendung des deutschen TV-Projekts, das 1969 vom Sender Freies Berlin ausgestrahlt wurde, wurde auch zum prägenden Grundstein einer Kunstströmung: „Landart“ nannte der Initiator und Produzent die Folge, in der acht künstlerische Arbeiten präsentiert wurden.
„Ich glaube nicht, dass es irgendeinen Sinn hat, Gesichter und Hände von Künstlern in Großaufnahme zu zeigen oder die ‚Atmosphäre‘ eines Ateliers zu filmen. Das einzige, was man sehen sollte, ist das Kunstwerk“, erklärt Schum, das Ganze ohne Kommentar. Er denke, dass „ein Kunstobjekt, im Bezug auf das Medium Fernsehen entstanden, keiner gesprochenen Erklärung bedarf.“
2012 Artists Rights Society (ARS), New York/VG Bild-Kunst, Bonn, courtesy Archiv MackDie Arbeiten des deutschen Künstlers Heinz Mack zählen zu den frühesten Beispielen der LandartSchum wurde so auch zu einem Wegbereiter der Zusammenarbeit von Landart-Künstlern und Medien. Im Oktober desselben Jahres unterbrach der WDR acht Tage lang täglich das reguläre Programm für einige Sekunden und zeigte eine der acht Fotografien der „Selbst Beerdigung“ von Keith Arnatt. Hintereinander betrachtet zeigen die Bilder, wie Arnatt schrittweise im Boden versinkt. Der Sender verzichtete darauf, das durch eine Einführung oder einen Kommentar zu begleiten.
Verwitterung und Zerstörung als Konzept
Oft operierten die Künstler der Landart direkt unter freiem Himmel. Sie versuchten dabei immer wieder, aus der Not eine Tugend zu machen, indem sie die begrenzte Lebensdauer eines Werks in der freien Natur produktiv nutzten - etwa Verwitterungen als Teil des Konzepts einplanten. Manche Werke existierten nur für die kurze Zeit ihrer Ausführung, wie Judy Chicagos Arbeiten mit farbigen Flammen und Rauch, die Bezug auf religiöse Zeremonien und auf die Landschaft als eine Gottheit nahmen.
Courtesy Maureen Paley, London and The Estate of Keith ArnattKeith Arnatt wurde mit seinen „Burial“-Aktionen bekanntEbenfalls nur für zehn Wochen verhüllten Christo und Jeanne-Claude die Küstenfelsen in Little Bay, Sydney, mit Kunststoff und Seilen. „Wrapped Coast – One Million Square Feet“ hatte - wie andere Werke der Landart auch - gewaltige Ausmaße. Ein weiteres berühmtes Werk von ähnlicher Ausdehnung ist „Spiral Jetty“ von Robert Smithson: Am Great Salt Lake in Utah, USA, baute der Künstler aus dort gefundenem Material eine spiralförmige Landzunge von fast 500 Meter Länge.
Faszination Einöde
Die Künstler der Landart waren von abgelegenen und weitläufigen Orten wie Wüsten fasziniert. Hreinn Fridfinnsson konstruierte ein Haus auf einem unbewohnbaren Lavafeld in der Nähe von Reykjavik. Innen war es aus Wellblech und außen tapeziert. Denn da Tapeten das Auge erfreuen sollen, sei es „vernünftig, sie außen anzubringen, wo mehr Leute sie genießen können“.
Gleichzeitig war die Konservierung, Dokumentation oder Reproduktion von Kunstwerken immer ein Diskursthema der Landart-Protagonisten. So wurden Fotoserien wie jene von Arnatt oder Filmproduktionen wie die von Schums ein wesentliches Bindeglied zwischen der Kunst in der freien Natur und dem Kunstmarkt.
Der Ausstellungsraum als Gastgeber für die Natur
Manche Künstler übertrugen hingegen auch die Beschaffenheit bestimmter Orte in den Ausstellungsraum: Die japanischen Künstler der Gruppe „i“ brachten vier Lkw-Ladungen Schotter per Fließband in den Ausstellungsraum und schütteten ihn dort zu einem Haufen auf.
Ausstellungshinweis
„Ends of the Earth. Landart to 1947“, bis 20. Jänner 2013 im Haus der Kunst in München, täglich von 10.00 bis 20.00 Uhr, donnerstags bis 22.00 Uhr. Zur Ausstellung ist ein Katalog (264 Seiten, 39,95 Euro) erschienen.
Alice Aycock füllt ein minimalistisches Raster mit feuchtem Lehm. Diese Arbeit wird für die Ausstellung im Haus der Kunst neu produziert - der Lehm wird im Laufe der Wochen trocknen, Risse bekommen und allmählich der Erde im kalifornischen Death Valley ähneln. Mit „Hog Pasture: Survival Piece #1“ hält zusätzlich zur Materie, in diesem Fall eine grüne Weidewiese, auch ein lebendiges Hausschwein Einzug ins Museum, das von Zeit zu Zeit auf der Wiese grasen wird.
Links:
- Haus der Kunst
- Landart (Wikipedia)
- Gerry Schum (Wikipedia)
Publiziert am 13.10.2012