Italien: Stadtrat wegen befürchteter Mafia-Nähe aufgelöst

Wegen befürchteter Nähe zur Mafia hat Italiens Regierung den Stadtrat von Reggio Calabria aufgelöst und die Stadtverwaltung unter Aufsicht gestellt. Acht Verdächtige seien festgenommen worden, darunter sieben mutmaßliche Mafia-Mitglieder und ein Stadtbeamter, teilten die Ermittler gestern mit. In der Lombardei wurden zudem rund 20 Menschen festgenommen, darunter ein örtlicher Politiker.

Premiere für Regionalhauptstadt

Nach Angaben von Innenministerin Annamaria Cancellieri war es das erste Mal, dass eine solche Maßnahme für eine Regionalhauptstadt getroffen wurde. Die Intervention sei nötig geworden, weil die Verwaltung etwa öffentliche Ausschreibungen nicht wie gefordert auf Verwicklungen der Mafia überprüft habe. Zudem habe es Probleme bei der Verwaltung von beschlagnahmtem Mafia-Vermögen und beim sozialen Wohnungsbau gegeben.

Von drei Kommissaren verwaltet

Die Auflösung des Stadtrates sei eine „vorbeugende Maßnahme" und keine Bestrafung“, erklärte Cancellieri bei der Bekanntgabe der Entscheidung. Es handle sich um eine „schmerzliche Entscheidung“, die aber „im Interesse der Stadt“ getroffen worden sei. Der Schritt wurde in einer Kabinettssitzung unter Vorsitz von Ministerpräsident Mario Monti gebilligt. Laut Cancellieri wird die Stadt nun 18 Monate lang von drei Kommissaren unter Leitung des Präfekten von Crotone, Vincenzo Panico, verwaltet.

Zu den in der südlichen Hafenstadt Reggio Calabria Festgenommenen zählt auch der Chef der Stadtreinigung Leonia, bei der es sich um eine Öffentlich-Private Partnerschaft handelt, die vom Stadtrat kontrolliert wird. Solche Partnerschaften seien ein neues Feld für „Beziehungen zwischen Mafia-Clans und wirtschaftlichen und sozialen Gefügen“, erklärte Cancellieri. Stadtverträge seien eine „Barreserve“ für die Mafia. Die sieben festgenommen mutmaßlichen Mafia-Mitglieder gehören den Angaben zufolge dem Fontana-Clan der in Kalabrien ansässigen Mafia-Organisation ’Ndrangheta an.

Publiziert am 10.10.2012