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Nur mit Militärintervention zu stoppen?
Die islamistischen Gruppen rekrutieren, bewaffnen und trainieren immer mehr Kämpfer, meldet der britische „Guardian" unter Berufung auf Sicherheitsexperten. Wenn die Islamisten weiterhin große Teile Malis kontrollieren und dort machen können, was sie wollen, dann wird sich das als direkte Gefahr für Europa herausstellen“, sagte ein westlicher Diplomat in der Hauptstadt Bamako der Zeitung. Es sei nur eine Frage der Zeit, man dürfe auch nicht vergessen, wie nahe das Land bei Europa liegt.
Sicheres Rückzugsgebiet für Terroristen
Ähnlich äußerte sich die Terrorexpertin Valentina Soria vom Thinktank Royal United Services Institute. Die Sahelzone liege deutlich näher bei Europa als Afghanistan und Pakistan. Aus logistischer Sicht ist es also für Radikale viel leichter zu erreichen. Dabei sei es einerseits für die Islamisten viel einfacher, Anschläge in Europa und den USA zu planen und durchzuführen, andererseits könnte Mali zum Rückzugsort für Terroristen werden, wo sie Ausbildungen und Waffen erhalten.
AP/StringerKämpfer der Islamistengruppe Ansar DineVor einer neuen „Bastion des internationalen Terrorismus“ warnte auch Jacques Attali, langjähriger Berater und Vertrauter des verstorbenen französischen Präsidenten Francois Mitterrand. Der kollabierte westafrikanische Staat sei im Begriff, zum Begegnungspunkt unheilbringender Kräfte aus allen Teilen der Welt zu werden: unkontrollierte Waffen aus Libyen, darunter zehntausend verschwundene Boden-Luft-Raketen, religiöse Extremisten, lateinamerikanische Drogendealer, die von Guinea-Bissau operierten, um nach Europa zu gelangen. Man müsse jetzt sehr schnell handeln, schrieb Attali im Nachrichtenmagazin „L’Express“.
Land überrannt
Im Land gibt es nur mehr wenig Widerstand gegen die islamistischen Gruppen, die zur Organisation AQIM, der Al-Kaida im islamischen Maghreb, gehören. Ansar Dine („Verteidiger des Glaubens“) und die „Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika“ (MUJAO) hatten die schlecht organisierte und demotivierte malische Regierungsarmee überrannt.
Unzufriedene Soldaten hatten daraufhin im März gegen die Regierung von Präsident Amadou Toumani Toure geputscht. Die Islamisten nutzten das Machtvakuum nach dem Sturz des Präsidenten aus und eroberten binnen kurzer Zeit mehr als die Hälfte des Landes.
Bruch mit Tuareg-Rebellen
Zunächst waren sie auch noch von den Tuareg-Rebellen der „Nationalen Bewegung für die Befreiung von Azawad“ (MNLA) unterstützt worden: Die schwerbewaffneten Tuareg-Söldner waren nach Mali heimgekehrt, nachdem sie zuvor für den langjährigen libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi gekämpft hatten. Doch die Allianz zerbrach: Die Ideologien und Ziele beider Seiten waren unvereinbar. Während die Tuareg für einen eigenen Staat Azawad in ihrem angestammten Gebiet kämpfen, wollen die Islamisten in ganz Mali das islamische Recht, die Scharia, einführen.
Islamistische Kämpfer vertrieben im Sommer die Tuareg-Rebellen aus ihrem letzten Rückzugsort. Die MLNA-Rebellen seien aus ihrer letzten Bastion in Ansongo nördlich von Gao verjagt worden, sagte ein örtlicher Regierungsbeamter im Juli der Nachrichtenagentur AFP. Um Gao selbst wurde von den Islamisten ein Ring aus Landminen gezogen. Laut „Guardian“ befinden sich auch ausländische Kämpfer unter den Islamisten, zwei Drittel würden aber aus Mali stammen - und sie hätten regen Zulauf.
Junge Kämpfer wollen Islamisten stellen
Der schwachen Übergangsregierung in Bamako fehlen die Mittel, um den Norden zurückzuerobern. Übergangspräsident Dioncounda Traore hält sich seit einem Übergriff im Mai zur Behandlung in Paris auf. Laut „Guardian“ hat sich in Bamako eine Truppe junger Männer zusammengefunden, die gegen die Islamisten ankämpfen will.
Mohamadou Diouara, Gründer der „Action des Jeunes pour Sauver le Nord“, sagte, sie seien rund 1.500 Kämpfer, hätten Waffen und seien von der Armee ausgebildet worden. Sie seien bereit, sich selbst zu opfern, um den Norden zurückzugewinnen. Er fordert logistische Unterstützung aus dem Ausland, eine Intervention lehnt er aber ab.
Nachdenken über Intervention
Diouara vertritt damit dieselbe Position wie die offizielle Regierung Malis, auch diese wünscht sich Waffen. Doch niemand glaubt, dass es damit getan sein wird: Die Westafrikanische Wirtschaftsgemeinschaft (ECOWAS) berät seit Wochen über die Entsendung von Truppen, doch stößt sie damit sowohl in Bamako als auch beim UNO-Sicherheitsrat auf Skepsis und Ablehnung. Die ECOWAS bereitet regionalen Medienberichten zufolge seit den Frühsommer die Entsendung einer Eingreiftruppe mit mehr als 3.000 Soldaten unter nigerianischer Führung nach Mali vor.
Im Westen wurden die Vorgänge bisher distanziert betrachtet, Mali liegt auch im Schatten der Ereignisse in Libyen, Ägypten und Syrien. Doch mittlerweile schloss auch der französische Außenminister Laurent Fabius eine internationale Militärintervention zur Beendigung der Unruhen nicht aus. „Irgendwann wird es wahrscheinlich zum Einsatz von Gewalt kommen“, sagte Fabius im Juli.
Völlige Vertreibung „nicht machbar“
Er fügte hinzu, ein Militäreinsatz würde unter afrikanischer Führung stehen, aber von weiteren internationalen Truppen unterstützt werden. Was sich in Mali ereigne, sei sehr ernst, „weil es das erste Mal ist, dass Terroristen wichtige Städte in Besitz nehmen und im Begriff sind, sich des Staates zu bemächtigen“.
Doch selbst ein erfolgreiches militärisches Eingreifen von außen wird wohl nicht alle Probleme lösen. Man werde die Al-Kaida im islamischen Maghreb wohl nicht völlig aus unkontrollierten und kaum besiedelten Sahara-Gebieten verdrängen können, so Abdel-Fatau Musah, ECOWAS-Direktor für äußere Beziehungen: „Realistisch gesehen ist das Wichtigste, was wir tun können, sicherzustellen, dass sie die Gebiete nicht mehr kontrollieren. Sie völlig zu vertreiben, ist nicht machbar.“
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Publiziert am 13.10.2012