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200 mögliche Opfer

Ein beispielloser Missbrauchsskandal zieht in Großbritannien immer weitere Kreise. Der DJ und bekannte BBC-Moderator Jimmy Savile soll rund 40 Jahre lang junge Frauen und Kinder missbraucht habe. „200 mögliche Opfer wurden identifiziert“, erklärte die Polizei. Savile war im Vorjahr verstorben, im Oktober tauchten die ersten Vorwürfe auf - doch davon gewusst haben viele wohl schon viel länger.

So entschied sich die BBC noch Ende 2011, eine Dokumentation nicht auszustrahlen, die sich mit den Missbrauchsvorwürfen beschäftigte. Der Grund sollen journalistische Zweifel gewesen sein. Doch interne Mails belasteten Peter Rippon, Chefredakteur der Nachrichtensendung „Newsnight“, der den Beitrag abgelehnt hatte.

Chefredakteur zurückgetreten

Der Verdacht wurde laut, der kritische Bericht hätte ein damals geplantes Weihnachtsspecial der BBC in ein schiefes Licht gerückt - und sei dementsprechend aus den Chefetagen der BBC verhindert worden. Rippon dementierte Interventionen von oben, trat aber am Montag zurück. Eine frühere Stellungnahme Rippons, bei der er seine Entscheidung im Vorjahr mit journalistischen Gründen begründete, wurde von der BBC korrigiert: Er hatte sich dabei auf Polizeiermittlungen 2007 berufen, die eingestellt worden waren.

Übergriffe in Studios und Spitälern

Die Affäre war Anfang Oktober durch einen Bericht des Konkurrenzsenders ITV ins Rollen gekommen. Mittlerweile hat Scotland Yard offiziell Ermittlungen eingeleitet, und man rechnet bereits mit 200 Opfern. Savile, der erste Moderator der Musikshow „Top of the Pops“, soll einerseits in Hinterzimmern von TV-Studios Kinder missbraucht haben, andererseits in Krankenhäusern, Schulen und Heimen.

Krankenschwestern sollen seine Besuche gefürchtet und Kindern geraten haben, sich schlafend zu stellen. Dort war der extrovertierte und schillernde Star eigentlich als großer Wohltäter unterwegs. 40 Millionen Pfund soll er für gute Zwecke gesammelt haben, die Queen schlug ihn dafür 1990 zum Ritter. In der Zwischenzeit leitete auch die britische Gesundheitsbehörde NHS eine Untersuchung ein.

Ehemaliger BBC-Moderator Jimmy SavileAP/John RedmanSavile im Jahr 1986

„Schwerste BBC-Krise seit 50 Jahren“

Vor allem für die BBC wird es aber immer enger: Der bekannte BBC-Journalist John Simpson sagte, es sei die schwerste Krise, die er in seinen fast 50 Jahren bei der BBC erlebt habe. Die BBC habe die Situation auch nicht sehr gut gehandhabt. Es wäre besser gewesen, von Anfang an auf volle Aufklärung zu setzen. Auch die gesamte Regierung wie auch die oppositionelle Labour-Partei haben sich zu Wort gemeldet und eine vollständige Aufklärung der Affäre gefordert.

BBC-Generaldirektor unter Zugzwang

BBC-Generaldirektor George Entwistle muss sich am Dienstag den kritischen Fragen von Parlamentariern zur Causa stellen. Er ordnete bereits zwei interne Untersuchungen an. Zum einen soll geklärt werden, warum im Vorjahr der Beitrag in „Newsnight“ nicht gesendet wurde, zum anderen will man die „Kultur“ und die „Praktiken“ der BBC untersuchen - und zwar in der gesamten Zeitspanne, in der Savile für die Anstalt arbeitete.

Das spielt darauf an, dass wohl viele von den Übergriffen Saviles gewusst haben - nicht nur einmal soll er mit Minderjährigen hinter den Kulissen erwischt worden sein. Selbst in seiner Autobiografie spielt er darauf an. Eingeschritten ist aber niemand: Die Zeiten seien damals andere gewesen, heißt es hinter vorgehaltener Hand, sexuelle Freizügigkeit habe das damals geheißen. Geschwiegen haben aber wohl auch viele ob der Prominenz des Täters.

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Publiziert am 22.10.2012