Kein Ende der Unruhen
Nach den gewaltsamen Ausschreitungen im Libanon hat Innenminister Marwan Charbel Armee und Polizei den Auftrag erteilt, hart durchzugreifen. „Sie nehmen jeden fest, der Waffen trägt“, so die Direktive des Ministers. In der Hauptstadt Beirut ging die Armee am Montag gegen sunnitische Kämpfer vor, die Straßensperren errichteten.
Nach Ausschreitungen und Protesten gegen die Regierung im Libanon wächst die Sorge vor einem Übergreifen des Bürgerkrieges aus dem Nachbarland Syrien. Die Streitkräfte kündigten an, „entschlossen gegen jeden Angriff auf die Sicherheit und den bürgerlichen Frieden einzuschreiten“.

AP/Hussein Malla
Vermummte Bewaffnete auf den Straßen Beiruts
In einem mehrheitlich von Sunniten bewohnten Beiruter Viertel Tajjouneh starb am Montag ein Mann bei Kämpfen zwischen Soldaten und einer Gruppe von Heckenschützen. Nach drei Toten am Sonntag wurden im nördlichen Tripoli am Montag eine alawitische Frau sowie drei sunnitische Jugendliche und Kinder getötet.
Vermummt und bewaffnet
In der Nacht zum Montag ging die Armee im sunnitischen Viertel Tarik al-Schdide gegen Bewaffnete vor. Aus dem Stadtteil waren Schüsse automatischer Waffen und panzerbrechender Raketen zu hören. Am Montagvormittag riegelten dann bewaffnete Kämpfer mehrere sunnitische Viertel in Beirut ab, wie ein AFP-Fotograf berichtete.
Die vermummten und teils mit Kalaschnikow-Gewehren bewaffneten Männer gaben sich als Unterstützer des früheren libanesischen Regierungschefs Saad Hariri und seiner oppositionellen Bewegung Zukunft aus. Beim Versuch der Armee, eine der Straßenblockaden nahe Tarik al-Schdide zu räumen, schossen die Kämpfer auf Soldaten, die das Feuer erwiderten.
Tote auch in Tripoli
Einige Straßen, die am Vortag von Demonstranten blockiert worden waren, waren am Montag wieder befahrbar. Nach Angaben der Polizei kamen seit Sonntag bei Schießereien zwischen pro-syrischen und anti-syrischen Gruppen in Tripoli drei Menschen ums Leben. Unter den Toten war ein neun Jahre altes Mädchen.

AP/Bilal Hussein
Rauch steigt aus einem Gebäude in Tripoli auf
Die Armee zeigte sich besorgt, dass „die Spannungen in einigen Regionen so stark sind wie noch nie“. Sie rief die Bürger auf, „welches auch ihre politische Zugehörigkeit ist, mit Verantwortung in dieser schwierigen Zeit zu handeln“. Die Streitkräfte kündigten „harte Maßnahmen“ an, „vor allem in den Regionen, die Schauplatz konfessioneller Konflikte sind“. Ziel sei es zu verhindern, „dass der Mord an General Wissam al-Hassam dafür genutzt wird, diese Nation zu ermorden“.
Personenschutz für Abgeordnete
Der Abgeordnete Ammar Huri sagte nach Angaben der Nachrichtenagentur Lebanon Now, er habe vor dem Tod des Generals eine SMS mit folgendem Inhalt erhalten: „Wir schwören beim (Leben von US-Botschafterin, Anm.) Maura (Conelly, Anm.), wir werden euch kriegen, einen nach dem anderen, ihr Drecksäcke!“ Nach dem Attentat hätten er und drei weitere Abgeordnete dann eine zweite SMS-Botschaft bekommen mit dem Text „einer von zehn“. Seither hätten mehrere Abgeordnete zusätzliche Bewachung erhalten.
Hassan gehört wie die meisten Aufständischen in Syrien zu den Muslimen sunnitischer Glaubensrichtung. Seine Beerdigung am Sonntag war von heftigen Protesten gegen die Regierung in Syrien und Libanons Regierungschef Nadschib Mikati begleitet worden. Die libanesische Opposition wirft Mikati vor, die Tötung des Generals durch Syrien zu decken.
Mikati nahm ein Angebot der US-Regierung an, bei den Ermittlungen zum Attentat zu helfen. Ein FBI-Team werde im Libanon bei der Untersuchung helfen, sagte US-Außenamtssprecher Mark Toner am Montag in Washington. Unklar ließ Toner zunächst, ob der Libanon die USA speziell nach Hilfe durch das FBI gefragt hatte.
Religionskonflikt könnte sich ausweiten
Der Konflikt im Libanon verläuft häufig entlang der Linien der Konfessionen des Landes. Die Schiiten und die ihnen nahestehenden Alawiten sind Syrien in ihrer Mehrheit freundlich gesinnt, die Sunniten sehen in Damaskus einen Feind des Libanons. Die Christen, die wie die zwei anderen Konfessionen ein Drittel der Bevölkerung ausmachen, sind gespalten.
Regierungschef Mikati ist zwar Sunnit, in seiner Regierung spielt aber die schiitische Hisbollah eine große Rolle, die mit Syrien und dem Iran verbündet ist. Syriens Staatschef Baschar al-Assad ist Alawit. Die Mehrheit der Sunniten im Libanon steht hinter Saad Hariri, der seine Anhänger am Sonntag aufgerufen hatte, sich von den Straßen zurückzuziehen, „denn wir wollen die Regierung auf friedliche und demokratische Weise stürzen“.
Internationale Besorgnis
Weltweit herrscht nach dem Attentat nur Sorge, dass der Bürgerkrieg in Syrien auch den Libanon mit voller Wucht erfasst. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton reist am Dienstag im Rahmen einer fünftägigen Nahost-Reise nach Beirut. Die deutsche Regierung verurteilte den Anschlag auf al-Hassam am Montag „auf das Schärfste“. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) fordere alle politischen Kräfte auf, „ein Übergreifen des syrischen Bürgerkrieges auf den Libanon zu verhindern“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Ähnlich äußerten sich die Botschafter der fünf ständigen Mitgliedstaaten des Sicherheitsrates während eines Treffens mit Präsident Michel Suleiman.
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