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Getrennt und weit von Moskau entfernt
Nadeschda Tolokonnikowa sei in ein Lager in der Region Mordowia rund 640 Kilometer östlich von Moskau gebracht worden, sagte die Anwältin. Ihre Bandkollegin Maria Alechina werde in der rund 1.400 Kilometer entfernten Region Perm interniert. Den Angaben der Anwältin zufolge erfuhren selbst die Angehörigen der Frauen erst von deren Verlegung, als sie ihnen Pakete in das Gefängnis in Moskau bringen wollten, in dem sie zuletzt inhaftiert waren.
Ihrer Anwältin zufolge muss Tolokonnikowa im Straflager mit einer rechtsradikalen Mörderin zusammenarbeiten. Sie solle zusammen mit Jewgenija Chassis in der Näherei eingesetzt werden, sagte Anwältin Violetta Wolkowa am Mittwoch der Agentur Interfax. Die 27-jährige Chassis sitzt seit 2011 wegen des Doppelmordes an dem Menschenrechtsanwalt Stanislaw Margelow und der kremlkritischen Journalistin Anastassija Baburowa eine 18-jährige Haftstrafe ab.
Zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt
Tolokonnikowa, Alechina und Jekaterina Samuzewitsch waren im August wegen einer regierungskritischen Aktion gegen den heutigen Präsidenten Wladimir Putin zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt worden. In einem Berufungsverfahren war Samuzewitschs Strafe am 10. Oktober in eine Bewährungsstrafe umgewandelt worden, die Strafe der anderen beiden Frauen wurde aufrechterhalten. Beobachter vermuteten dahinter den Versuch der Staatsmacht, die Protestband zu spalten.
„Schlimmstmögliche Lager“
Unterstützer von Pussy Riot sprachen im Internetdienst Twitter von den „schlimmstmöglichen Camps“, die für die Frauen ausgesucht worden seien. Die 22-jährige Tolokonnikowa hat eine vierjährige Tochter, die 24-jährige Alechina einen fünfjährigen Sohn. Ihre Bitte um einen Aufschub ihrer Strafe, bis ihre Kinder älter sind, wurde abgewiesen.
Unklar war zunächst auch, wie Tolokonnikowa und Alechina unterwegs waren. Gefangene werden in Russland oft in Zügen zu Straflagern transportiert. Solche Transporte können wegen häufiger Stopps und je nach Entfernung bis zu einen Monat dauern. Tolokonnikowas Ehemann Pjotr Wersilow sagte dem Rundfunksender Echo Moskwy, er habe unbestätigte Informationen, wonach beide Frauen in „Sonderflügen“ unterwegs seien. Bei Twitter war unter @pussy_riot ohne nähere Angaben von einem „besonderen“ Konvoi die Rede.
Temperaturen bis zu minus 50 Grad
Russlands Arbeitslager sind für ihre extrem harten Bedingungen bekannt. Die mit Pussy Riot eng verbundene Künstlergruppe Woina (Krieg) bezeichnete Mordowia bei Twitter als „Höllenlager“. Bereits unter Diktator Josef Stalin gab es dort in den 1930er und 1940er Jahren Arbeitslager. Nach Informationen auf der Website der regionalen Strafvollzugsverwaltung sind es heute 17 Lager. Auch in der Region Perm wurden unter Stalin Arbeitslager eingerichtet. Im Winter können die Temperaturen im Ural auf bis zu minus 50 Grad Celsius sinken.
150 Frauen in einer Baracke
Die von Amnesty International als politische Häftlinge anerkannten zwei jungen Frauen müssen ihre Strafe mit Gewohnheitsverbrecherinnen absitzen. Die Lebensumstände der Frauen in den Lagern werden auf der Website des russischen Strafvollzugs und von der Mitarbeiterin der Moskauer Nichtregierungsorganisation Gefängnis und Freiheit, Jelena Gordejewa, geschildert. Untergebracht sind die Frauen in den meisten Fällen in Baracken mit 100 bis 150 Mitgefangenen. Sie sind in grüne Uniformen gekleidet, auf denen vorne ihr Name steht. Persönliche Kleidung ist verboten.
Tag beginnt mit Appell um 6.00 Uhr
Der Tag beginnt mit dem Aufstehen um 6.00 Uhr, anschließend müssen sie sich draußen zum Durchzählen versammeln. Nur wenn die Temperaturen unter minus 30 Grad fallen, findet die Zählung drinnen statt. Weniger als die Hälfte der Frauen geht im Lager einer Arbeit nach. Wer arbeitet, kann zwischen 25 und 50 Euro im Monat verdienen. Die Arbeit besteht in der Regel darin, Uniformen für die Gefängnisverwaltung, die Armee und das Innenministerium zu nähen.
Im Normalfall dürfen die Frauen pro Jahr sechs kurze Besuche (bis zu vier Stunden) erhalten sowie vier lange Besuche (bis zu drei Tage). Zudem darf jede Frau jährlich sechs Pakete empfangen. Nach einem halben Jahr können die Insassinnen wegen guter Führung in den „erleichterten“ Vollzug verlegt werden und damit öfter Besuch und Pakete empfangen. Monatlich dürfen die Frauen umgerechnet etwa 300 Euro aus ihrem persönlichen Vermögen ausgeben.
Buch über Prozess
Ein neues Buch gibt nun Einblick in den umstrittenen Prozess aus der Sicht der jungen Frauen. Das Buch „Pussy Riot! Ein Punk-Gebet für Freiheit“ mit Briefen der Frauen aus dem Gefängnis sowie Plädoyers der Rechtsanwälte und Songtexten kommt Anfang Dezember auf den Markt, wie der Hamburger Verlag Edition Nautilus mitteilte.
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Publiziert am 24.10.2012