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Krisen und der Gummistiefelbonus

Ein Präsident, der während einer Katastrophe dort ist, wo er hingehört - nämlich als oberster Krisenmanager an seinem Schreibtisch bzw. an Ort und Stelle bei den Opfern: Barack Obama scheint nach dem verheerenden Hurrikan „Sandy“ an der US-Ostküste die Sympathien ziemlich deutlich auf seiner Seite zu haben.

Das, und noch dazu Lob ausgerechnet vom politischen Gegner, dürften drei Tage „Pause“ im aktiven Wahlkampf mit großer Wahrscheinlichkeit aufwiegen. Bevor Obama am Donnerstag im Bundesstaat Nevada seine Wahlkampftour offiziell wiederaufnehmen wollte, besuchte er am Mittwoch (Ortszeit) das von „Sandy“ schwer getroffene New Jersey.

Begleitet wurde er dabei vom republikanischen Gouverneur des Ostküsten-Bundesstaats, Chris Christie. Der zählte bisher zu den schärfsten Kritikern des Demokraten Obama und zu den wichtigsten Unterstützern von Obamas Kontrahenten im Rennen um das Präsidentenamt, Mitt Romney.

US-Präsident Barack Obama spricht mit einer BetroffenenReuters/Larry DowningAuf Augenhöhe: Obama im Gespräch mit Betroffenen von „Sandy“

Rosen von der Gegenseite im Wahlkampf

Doch Romney war in den letzten Tagen eher Statist, und ausgerechnet der Republikaner Christie voll des Lobes für den Präsidenten in seiner Rolle als „Macher“ in der Krise. „Die Reaktion der Regierung war großartig“, sagte Christie gegenüber dem Nachrichtensender NBC. Obama habe mehrmals in der Nacht mit ihm telefoniert und danach den Notstand über den Bundesstaat verhängt, um Hilfsmaßnahmen zu beschleunigen. „Der Präsident war großartig, genau wie die Typen von der FEMA (Federal Emergency Management Agency, der nationalen Koordinationsstelle für Katastrophenschutz, Anm.).“ Gegenüber MSNBC sagte Christie, Obama verdiene „großen Dank“.

Besuch am Ort der Katastrophe

Auf Fox News antwortete der Gouverneur auf die Frage, ob auch Romney das Katastrophengebiet besuchen würde, mit den Worten, die hohe Politik interessiere ihn im Moment „einen Dreck“. Ob Romney komme, wisse er nicht. Tatsächlich sprach Christie damit auch die überwiegende öffentliche Erwartungshaltung an: Was Romney in den Stunden der Katastrophe tut, ist weniger wichtig als dass der handelt, von dem es erwartet wird: der Präsident.

Zerstörte Straße in New Jersey mit defekten StromleitungenAPA/EPA/Michael ReynoldsZerstörte Straßen und elektrische Leitungen in New Jersey

„Tolerieren jetzt keine Bürokratie“

Obama landete am Mittwoch gegen 13.00 Uhr Ortszeit per „Air Force One“ auf dem Flughafen von Atlantic City, der Stadt, in der „Sandy“ am Montagabend auf die Küste von New Jersey getroffen war. Gemeinsam mit Christie startete er anschließend per Hubschrauber zu einem Rundflug, um sich ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung zu machen.

Das Weiße Haus wollte das Wort Wahlkampf im derzeitigen Kontext nicht hören. „Es ist völlig angemessen, dass der Präsident New Jersey besucht“, wurde Obamas Sprecher Jay Carney zitiert. „Das ist keine Zeit für Politik.“

„Wenn Eure Häuser nicht zu stark beschädigt sind, dann werden wir Euch bald dahin zurückbringen können“, sagte Obama zu Opfern des Hurrikans. „Das ganze Land hat es gesehen. Alle wissen, wie schwer es Jersey getroffen hat. Wir werden jetzt keine Bürokratie tolerieren“, so der Präsident im Hinblick auf das Tempo konkreter Maßnahmen zum Wiederaufbau.

„Als Krisenmanager bewährt“

Sein „Gummistiefelbonus“, den er sich am Ort des Geschehens holte, werde Obama helfen, zeigte sich auch der deutsche Politikberater Michael Spreng überzeugt. Spreng hatte 2002 den Wahlkampf des Unionskandidaten Edmund Stoiber gegen SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder gemanagt. Zu diesem Zeitpunkt litt das Bundesland Sachsen nach heftigen Unwettern unter einer „Jahrhundertflut“. Schröder und seine SPD seien erst hinter Stoiber gelegen. „Dann kam die Flut, und Schröder nutzte die Chance. Er war mit Gummistiefeln auf den Deichen (...). Er hat sich als Krisenmanager bewährt und hervorragend inszeniert. Und da war mir klar: Jetzt wird es schwer“, so Spreng. Die Flut 2002 sei die Wiedergeburt von Schröder als handelnder Kanzler gewesen. „Es kann sein, dass die Naturkatastrophe in den USA Obama rettet und ihn wieder ins Weiße Haus spült.“

Kritik am Katastrophenschutz hängt Romney nach

Romney hatte ebenso wie Obama in den letzten Tagen Wahlkampftermine abgesagt bzw. in Spendensammelaktionen umfunktioniert. Im TV war Romney zu sehen, wie er säckeweise Konservennahrung für das Katastrophengebiet in Empfang nahm. Dabei wurde er allerdings mit einer denkbar unangenehmen Frage einer Journalistin konfrontiert. Die wollte wissen, ob er, sollte er Präsident werden, den nationalen Katastrophenschutz auflösen würde - was Romney nur mit einem Lächeln quittierte. Er hatte im Wahlkampf wegen des wachsenden US-Budgetdefizits gegen staatliche Organisationen wie die FEMA gewettert und deren Privatisierung vorgeschlagen.

Das demokratische Lager erinnert nun anlassbezogen gerne an Romneys frühere Aussagen - und der steht damit in den Tagen von „Sandy“ und in der letzten Wahlkampfwoche wohl eher schlecht da. Wenn Romney nun erklärt, er glaube, dass die FEMA „eine Schlüsselrolle“ in der Vorbereitung auf bzw. Hilfe nach Naturkatastrophen spiele, und er als Präsident für alle notwendigen Ressourcen sorgen werde, könnte ihm das zumindest als mäßig glaubwürdiger Schwenk ausgelegt werden.

Tatsächlich „klarer Vorteil“ im Wahlkampf?

In Umfragen lieferten sich Obama und Romney zuletzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Nach der Hurrikankatastrophe könnte sich das Blatt nun zugunsten Obamas wenden, hieß es am Mittwoch in einem Kommentar der Nachrichtenagentur AP. Die Tour mit Christie bringe ihm einen „klaren Vorteil“ im Wahlkampf. „Obama kann zeigen, dass er das Kommando hat, dass er die staatliche Hilfe leitet und den Opfern seine Anteilnahme aussprechen“ - genau das, was man von einem Krisenmanager erwartet. Romney müsse inzwischen aufpassen, was er tut.

Harte Attacken auf Obama etwa könnten in Zeiten des nationalen Notstands denkbar unpassend sein. Romney laufe nun im Wahlkampfendspurt die Zeit davon. Obama würde die Unterbrechung seines Wahlkampf dagegen kaum schaden. Sollte sich herausstellen, dass auch Obama Fehler gemacht hat, werde das wohl kaum vor dem Wahltermin am 6. November geschehen.

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Publiziert am 01.11.2012