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Konsequenzen erst nach Protestwelle

Eine wehrlose und teils bewusstlose 16-Jährige wird auf Partys offenbar mehrmals von Gleichaltrigen missbraucht, etliche Zeugen schießen Fotos und Videos oder kommentieren die Handlungen live auf Twitter. Doch erst eine Welle der Empörung in Sozialen Netzwerken und breite Medienberichterstattung Monate später brechen das Abblocken der US-Kleinstadt, in der die Vorfälle passiert sind.

Zwei Burschen müssen sich nun wegen Vergewaltigung vor einem Jugendgericht verantworten. Einem der beiden wird auch der Missbrauch von Nacktbildern einer Minderjährigen vorgeworfen. Das alles bestreiten die beiden, ihre Verteidiger sprechen von einvernehmlichem Sex mit dem Mädchen. Sie habe sich ja nicht gewehrt und sei gar nicht „so betrunken“ gewesen.

Mehrfach missbraucht

Die Taten fanden bereits im August des Vorjahrs in der Kleinstadt Steubenville in Ohio statt. Die 16-Jährige wurde, so die Medienberichte, zwischen mehreren Partys hin und her gefahren und war teilweise nach Alkoholkonsum bewusstlos. Mehrfach soll sie missbraucht worden sein, und das vor etlichen Zeugen. Die meisten von ihnen gehörten dem High-School-Footballteam an, dem ganzen Stolz der 17.000-Einwohner-Stadt. Erst ein paar Tage später meldete sich die junge Frau mit ihren Eltern bei der Polizei - doch dort passierte wenig.

Bloggerin und Hacker machen Fall bekannt

Die aus Steubenville stammende Bloggerin Alexandria Goddard war die Erste, die über den Fall größer berichtete - bereits Ende August. Die Anklage gegen die beiden jugendlichen Verdächtigen war gerade erst erhoben worden. Goddard beklagte, dass alle anderen Mitwisser und Zeugen zum damaligen Zeitpunkt davonkommen sollten. Doch monatelang sollte nichts passieren, obwohl sie bereits belastendes Material wie Einträge auf Twitter der Mitwisser dieser Nacht postete.

Demonstranten mit von dem Gerichtsgebäude in Steubenville

Reuters/Jason Cohn

Der Fall löste eine Protestwelle aus

Einmal mehr waren es Social-Media-Plattformen wie Facebook und Twitter, die die Medienlawine ins Rollen brachten - und die Hacker von Anonymous bzw. der Untergruppe KnightSec. Sie veröffentlichten Namen von Beteiligten, indem sie sich in die Website des Footballteams hackten. Die Guy-Fawkes-Masken, Markenzeichen von Anonymous, sind seitdem auf den vielen Demonstrationen in der Kleinstadt zu sehen. Auch während des Prozesses wird gegen die Vertuschung der Tat protestiert.

Verstörende Dokumente

Und sie gruben weitere Fotos und Videos aus. Auf einem der Bilder ist zu sehen, wie das Mädchen regungslos von zwei Burschen an Armen und Beinen gehalten wird. Für Aufsehen sorgt dann ein Video, in dem ein Jugendlicher während der Party geschmacklose Scherze über die Vergewaltigung macht. Und er spekuliert sogar damit, dass das Mädchen sterben könnte. Im Hintergrund sind weitere junge Männer zu sehen. Nur einer merkt kurz an, dass die Sache vielleicht alles andere als lustig ist.

Plötzlich landesweit ein Thema

Im Oktober berichtete die Bloggerin Goddard, dass seit dem Vorfall praktisch nichts passiert sei. Drei weitere Jugendliche wurden von der Schule sanktioniert: Sie durften nicht mehr an Nachmittagsaktivitäten wie Sport teilnehmen. Sie selbst erhielt Drohungen aus Steubenville, weil sie den Ruf der Stadt ruiniere.

Auch Klagen wurden ihr angedroht, vor allem als die Geschichte immer weitere Kreise zog: Im Dezember veröffentlichte die „New York Times“ eine lange Reportage über den Vorfall - und alle großen US-Medien zogen nach. Für einige Wochen wurde groß berichtet, denn relativ zeitgleich war die ganze Welt vom tödlichen Ausgang der Massenvergewaltigung einer jungen Studentin in Indien schockiert.

Freibrief für Sportler?

Von einer „Vergewaltigungskultur“ an US-Schulen und -Universitäten ist in US-Medien die Rede. Und dass es immer noch die Ansicht gebe, junge Frauen würden sexuelle Handlungen quasi provozieren, weil sie sich mit dem Täter ja freiwillig getroffen hätten. Weiterhin werde die Existenz von Date Rapes abgestritten. Und es wird thematisiert, dass junge Sportler quasi einen Freibrief in den USA hätten - vor allem in Kleinstädten, in denen jeder jeden kennt.

Spekuliert wird auch darüber, welche Rolle der Trainer der Football-Mannschaft in der Angelegenheit spielte. Medienberichten zufolge soll er gemeint haben, er werde dafür sorgen, dass seine Burschen keine Schwierigkeiten bekommen. Der Trainer soll beste Kontakte zur Stadtregierung haben und dort auch für seine Schützlinge interveniert haben.

Keine Bestrafung für „Dummheit“

In Steubenville selbst fühlen sich viele Menschen verleumdet. Die Berichterstattung zeichne ein falsches Bild des Städtchens, heißt es dort von vielen. Schnell setzte die Stadtregierung eine eigene Website auf, auf der erklärt wird, dass man alles getan habe, um den Fall aufzuklären.

Nur: Der Sheriff der Stadt sprach von Anfang an von einem „komplizierten Fall“, auch weil sich das Opfer geduscht habe und so Beweise verloren gegangen seien. Und später kündigte er an, dass es wohl keine weiteren Strafverfolgungen geben werde. So bezeichnete er etwa das Video, in dem der Bursche über die Vergewaltigte scherzte, als „Dummheit“: „Und für Dummheit kann man niemanden verhaften.“ Immerhin: Anfang Jänner gab die Ohio State University in einem lapidaren Einzeiler bekannt, dass der Betroffene nicht mehr Student der Universität sei.

Fotos und SMS als Beweismittel

Einem weiteren Jugendlichen scheint ein Sportstipendium an der Uni abhanden gekommen zu sein. Alle anderen sind bei dem Prozess aber nur als Zeugen vorgeladen, obwohl sie zugaben, während der Taten fotografiert und gefilmt zu haben. Drei davon, allesamt Freunde der Angeklagten, könnten nun zum Schlüssel für eine Verurteilung werden, nachdem ihnen laut US-Medienberichten von Freitag Straffreiheit zugesichert wurde. Ihre Aussagen seien demnach nun weit belastender als bei Einvernahmen zuvor.

Die aufgenommenen Bilder wie auch zahlreiche Textnachrichten von etlichen Personen waren auch der Hauptgegenstand der ersten Verhandlungstage. Vor allem die SMS seien teilweise widersprüchlich, hieß es in der Prozessberichterstattung von US-Medien. Das Opfer soll erst am nächsten Tag über Textnachtrichten erfahren haben, was ihr in der Nacht davor widerfahren sei. Ein Urteil wird für Sonntag erwartet.

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