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„Du sollst deinen Nächsten lieben“

Im Süden Teherans leben keine reichen Leute. Die sind nur im Norden der iranischen Hauptstadt zu finden. Wer hier lebt und arbeitet, dem bleibt nichts übrig, als sich Tag für Tag durchzukämpfen, bei rasant steigenden Preisen. Wer Medikamente braucht oder einen guten Arzt, findet an einer ungewöhnlichen Adresse Hilfe: im jüdischen Krankenhaus unweit des Großen Basars.

„Du Sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst“, steht auf Hebräisch und auf Persisch über dem Eingang des Krankenhauses geschrieben. June Hamamis Ambulanz im Erdgeschoß wird jeden Vormittag von Patienten belagert. Denn er gilt als einer der besten Ärzte der Stadt. Hamami ist Jude, seine Patienten so gut wie ausschließlich Muslime. Menschen, die sich niemals ein Privatspital leisten könnten, bekommen hier gratis eine gleichwertige Behandlung.

Arzt Yune Hamami

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Dr. Hamami: Mittlerweile kommt auch die Teheraner Mittelschicht zu ihm

Weil das jüdische Krankenhaus auf private Spenden angewiesen ist und die Kosten steigen, müssen Hamami und seine Kolleginnen oft monatelang auf ihr Gehalt warten. „Patienten, die schon länger herkommen, wissen natürlich, dass ich Jude bin. Aber das stört sie nicht. Im Gegenteil. Manche sagen, sie hätten gehört, dass jüdische Ärzte hier einen guten Ruf haben“, erzählt Hamami.

Immer mehr Patienten aus der Mittelschicht

Seit neuestem mischen sich unter die Armen auch immer mehr Patienten aus der Mittelschicht. Hier zahlen sie weit weniger als anderswo. Würde Hamami in einem Privatspital nicht viel mehr verdienen? „Ja, das Drei- oder Vierfache“, sagt er: „Ich habe als junger Arzt hier vor 20 Jahren angefangen und ich will auch weiterhin hier in diesem wohltätigen Krankenhaus arbeiten.“

Mehrmals im Jahr lässt die iranische Führung gegen den jüdischen Staat aufmarschieren. „Nieder mit Israel und Tod dem Zionismus!“, lauten dann die Parolen. Gegen iranische Juden wie Hamami werden allerdings keine Parolen gerufen. Sie sollen im Land bleiben und nicht nach Israel auswandern. Das war einst der Wunsch des Revolutionsführers Ruhollah Chomeini, und der ist seinen Anhängern bis heute heilig.

Nischen für Nicht-Muslime

Und doch blieben für Nicht-Muslime nur einige wenige Nischen übrig, vor allem im Kleinhandel. Wer eine gute Ausbildung vorweisen konnte oder genügend Startkapital hatte, der versuchte sich nach der Revolution anderswo ein neues Leben aufzubauen.

Sieben von zehn iranischen Juden verließen nach der Revolution den Iran. Die anderen erzählen, dass sie nicht aus Sympathie für die Regierung geblieben sind, sondern weil sie sich kein Land vorstellen können, in dem so viele Religionen und so viele Nationen über so viele Jahrhunderte friedlich miteinander leben.

Teppichhandel blieb ganz in privater Hand

Teppichhandel ist im Iran eine der wenigen Branchen, die so gut wie ausschließlich in privater Hand geblieben sind. Bis vor wenigen Jahren liefen die Geschäfte gut. In diesem etwas versteckten Teil des Großen Basars finden wir Schahran Harunian, einen der letzten jüdischen Teppichhändler. Das Geschäft hat er vor zwei Jahren von seinem Vater geerbt, ebenso die Mesusa am Türstock, ein Zeichen jüdischer Frömmigkeit. Als der Vater noch im Geschäft war, kamen regelmäßig Anrufe aus dem Ausland. Vor allem aus Amerika gingen viele Bestellungen ein. Doch damit ist jetzt Schluss. Und in der Zeitung kann Schahran wenig Grund für Optimismus finden.

Teppichhändler im Iran

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Durch die Sanktionen brach der Teppichhandel mit dem Ausland komplett ein

Über Jahrhunderte hatte der Iran die Welt mit hochwertigen Teppichen beliefert. Eine Million Iraner arbeiten in dieser Branche, vom einfachen Teppichknüpfer bis zum Großhändler. „Wegen des Embargos will keiner mehr kaufen“, erzählt Schahran. Iranische Teppiche würden jetzt auch teurer, weil das Risiko höher geworden sei, sie zu verkaufen. Früher habe man tausend Teppiche pro Jahr verkauft, mittlerweile seien es nur noch ganz wenige. Nur eine einzige Kundin taucht an diesem Tag auf, um zwei Teppiche zurückzubringen. Nach iranischer Art hatte sie drei Stück ausgesucht, die für sie infrage kommen könnten, und nur einen behalten. Schahrans Kollege scheint trotzdem ein gutes Geschäft gemacht zu haben.

Was auch immer bei politischen Aufmärschen gesagt werde, im täglichen Leben habe er, Schahran, bisher keinen Antisemitismus erlebt. „Ich liebe Teppiche eben. Sie sind so ähnlich wie mein Land. Es gibt so viele Farben, wie es auch in unserem Land viele verschiedene Minderheiten gibt. So wie auch diese vielen Muster. Alle verschieden und doch miteinander verknüpft. Aus all diesen Gründen mag ich diesen Beruf“, sagt Schahran.

Die Armenier in Isfahan

Szenenwechsel zur Sonntagsmesse in einer der armenischen Kirchen von Isfahan: Wie die Juden hatten auch die Armenier jahrhundertelang ihren festen Platz im persischen Vielvölkerreich, ob als Kunsthandwerker, Professoren oder Diplomaten. Mit der Islamischen Revolution verloren auch sie ihren Einfluss. Etwa die Hälfte ist ausgewandert, 150.000 sind im Iran geblieben, viele davon in Isfahan, wie auch die Familie der Fremdenführerin Mania Hoda Werdighian. Außerhalb der Kirche ist sie nicht von einer Muslimin zu unterscheiden. Ihre Vielseitigkeit war bisher ein Plus. Sie spricht mehrere Sprachen fließend und hat ein Musikstudium hinter sich.

Karte des Iran

APA/ORF.at

Immer weniger Touristen kommen

Isfahan, die ehemalige Hauptstadt der Safawiden, war genau der richtige Ort für Kosmopoliten wie sie. Denn Isfahan galt für Iran-Reisende aus aller Welt als Muss. Doch jetzt kommen nur noch vereinzelt Touristen aus dem Westen. Seit der Zahlungsverkehr mit dem Iran unterbrochen ist, wurde Isfahan als Reiseziel gestrichen. Zwar versucht die iranische Tourismusindustrie jetzt vermehrt Chinesen ins Land zu locken - doch das gleicht nicht den Verlust aus, den vor allem die Armenier von Isfahan zu spüren bekommen.

„Der Tourismus ist jetzt um die Hälfte zurückgegangen“, berichtet Werdighian: „Es betrifft alle Jobs hier. Mehr Tourismus bedeutet auch mehr Jobs, mehr Geschäft, es betrifft alle.“ Mit der armenischen Gemeinde geht noch etwas anderes verloren. Dscholfa, das alte Armenierviertel von Isfahan, hat bisher auch moderne Muslime angezogen. In Dscholfa sind die Kontrollen der Sittenwächter nicht so streng. Christen und Juden dürfen im Iran ihren eigenen Moralvorstellungen folgen, solange sie unter sich bleiben.

Geht ein anderes Stück Iran verloren?

Doch unsere Kamera bringt diese kleine Idylle ungewollt durcheinander. Wird Dscholfa überleben, wenn der Druck der westlichen Welt auf den Iran weiter zunimmt? Oder geht jetzt auch dieses kleine Stück eines anderen Iran verloren? Musizierende Frauen gelten im Iran als tabu - vor allem wenn sie vor Männern spielen. Als Armenierin darf Werdighian aber Klavier unterrichten. Das Kopftuch tragen beide Frauen nur wegen der Kamera - zu Hause müssen auch Musliminnen sonst nicht ihr Haar bedecken.

Dieser Unterschied zwischen dem Draußen und dem Drinnen bestimmt das Leben im Iran - besonders in wohlhabenden Kreisen. Werdighians Mann lebt vom Catering für armenische Hochzeiten. Dabei ist sogar Alkohol erlaubt. Doch immer weniger junge Leute entschlössen sich zu heiraten, solange die Zukunft des Landes so düster aussieht, klagt er.

Druck von außen schürt neue Konflikte

Der wachsende Druck von außen schürt neue Konflikte, lässt das Land aber auch näher zusammenrücken. Seit kurzem bekommt das jüdische Krankenhaus in Teheran Geld von der Regierung. Bisher wurde es zur Gänze von der jüdischen Gemeinde finanziert. Doch die wird immer kleiner, während die Zahl der Patienten zunimmt. Ohne Hilfe des Präsidenten wäre die kostspielige Intensivstation nicht weiter finanzierbar, sagt der Leiter des Spitals, Ciamat Morsadeh. Berührungsängste mit dem islamischen Staat kennt er nicht. Als junger Arzt hat er sogar als Soldat gedient - damals gegen die irakischen Angreifer unter Saddam Hussein.

Demonstration im Iran

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Antiisraelische Demonstration in Teheran: Im Alltag spüren die Mitglieder der jüdischen Gemeinde keinen Antisemitismus

„Wir sind vollwertige Bürger“

„Seit dem Zweiten Weltkrieg sind wir Juden hier vollwertige Bürger“, erklärt der Arzt im Gespräch seine Überzeugung: „Wir haben bestimmte Rechte und bestimmte Pflichten. Und sollte irgendein Verrückter auf die Idee kommen, den Iran anzugreifen, werden die Juden das Land sicher verteidigen.“

Dieses persische Nationalgefühl scheint alle politischen Lager zu verbinden. Auch wenn im Parlament konservative Muslime mit dem ebenfalls Konservativen Präsidenten darüber streiten, wie man das Land besser auf die internationalen Sanktionen vorbereiten hätte sollen. Dass der Iran sein Atomprogramm braucht, steht hier außer Diskussion. Unter den Abgeordneten ist auch Morsadeh, für die jüdische Gemeinde, ein Recht, das Minderheiten im Iran seit mehr als hundert Jahren zusteht.

Seinen Sitz nützt er um für seine Gemeinde die eine oder andere Erleichterung heraus zu handeln und dringende Problemfälle zu lösen. Im Strafrecht sind Nicht-Muslime nach wie vor benachteiligt. Denn das Leben eines Muslims gilt der Scharia nach als wertvoller. Wenn ihm etwas angetan wird, ist daher eine höhere Entschädigung zu zahlen.

Geschützt - und doch Bürger zweiter Klasse

Als geschützte Minderheit und doch als Bürger zweiter Klasse, so wachsen diese jüdischen Mädchen in Teheran auf. Auch diese Schule wird von der jüdischen Gemeinde finanziert. Aber die Schulleiterin wird vom Staat ausgewählt und ist Muslimin. Jüdischen Kindern die hebräische Sprache beizubringen und auch Grundkenntnisse der Bibel gilt als Recht. Peri Motlagh, die jüdische Lehrerin, hat schon längst das Pensionsalter überschritten. Doch ob sich eine Nachfolgerin finden würde, wenn sie aufhört, ist ungewiss. Außer ihrem jüdischen Lehrbuch muss noch ein zweites benützt werden, das Religion aus objektiver Sicht erklärt, wie es heißt - aus Sicht des Islam.

Auch der Armenarzt Hamami und der Teppichhändler Harunian holen ihre Kinder immer wieder von der Schule ab. Vor der Kamera wollten sie das aber lieber nicht tun. Wir durften iranische Juden in ihrer geschützten Welt zeigen. Aber niemand wollte sich in der Öffentlichkeit filmen lassen. Nicht auffallen und keine Aufmerksamkeit auf sich ziehen, das ist inzwischen zum Lebensstil geworden.

Und das keineswegs nur bei Minderheiten: Obwohl es Frauen nicht verboten ist, bunte Kopftücher zu tragen, bevorzugen doch die meisten das unauffällige Schwarz, das sie auf der Straße nicht so leicht unterscheidbar macht. Persönlicher Wohlstand wird am liebsten versteckt. Auf diese Weise lassen sich politische Umbrüche besser überleben.

Private Beziehungen autonom geregelt

Wie die Christen dürfen auch Juden ihre privaten Beziehungen selber regeln - solange sie sich dabei von Muslimen fernhalten. Immer wieder hören wir, dass seit der Islamischen Revolution auch die jüdische Gemeinde religiöser geworden ist. Das Leben spielt sich wieder stärker in der Familie ab, ob bei Juden, Christen oder Muslimen. Um Purim, das Fest zur Erinnerung an die Rettung des jüdischen Volkes aus drohender Gefahr in der persischen Diaspora, zu feiern, darf auch in der Synagoge ganz selbstverständlich Wein getrunken, werden, wie es die jüdische Tradition vorschreibt.

Wie verstehen iranische Juden die alte Geschichte von Esther, von drohender Vernichtung und wunderbarer Rettung, in der heutigen Zeit? Darüber wollte hier niemand reden, und schon gar nicht über Israel. Auch in den eigenen vier Wänden wollte kein Mitglied der Jüdischen Gemeinde filmen lassen. Also konnten wir mit Hamami nur im jüdischen Krankenhaus sprechen, zwischen zwei Visiten.

Die Frage, ob er sich als Jude sicher fühle, beantwortet Hamami so: „Es gab immer ein Auf und Ab. Ganz allgemein gesagt hat uns die Republik mehr Rechte garantiert als die Könige davor. Wenn wir über die Zeit seit der Revolution reden, dann hängt das immer von der jeweiligen Regierung ab und welche Probleme die gerade haben. Als Gemeinde haben wir heute keine speziellen Probleme. Man könnte also sagen, wir fühlen uns sicher, zumindest nach der Verfassung.“

In Dscholfa, dem Armenierviertel von Isfahan, ist manches anders. Immerhin haben Christen hier einen eigenen Stadtteil. Und die ehrwürdige Wank-Kathedrale ist von weitem sichtbar - wenn auch nur noch als Museum. Aber auch Werdighian spürt, wie der Druck auf Armenier ihrer Generation zunimmt. Seine Kinder im Ausland studieren zu lassen erscheint jetzt unrealistisch. Allerdings hat auch sie im Iran studiert.

Der Präsident und die Minderheiten

Wenn Präsident Ahmadinedschad durchs Land reist, benützt er drei verschiedene Hubschrauber - um mögliche Angreifer zu täuschen. Diesmal besucht er die pakistanische Grenze, um eine neue Pipeline zu eröffnen, eine seiner letzten größeren Amtshandlungen. Denn nach acht Jahren als Präsident muss er sich der Verfassung nach zurückziehen. Dass er den Holocaust als Mythos bezeichnet hat, führte nicht nur zu seiner internationalen Ächtung. Es hat ihm auch im Land Schwierigkeiten bereitet. Die neue Pipeline soll eine Antwort auf die internationalen Sanktionen sein: Mit Hilfe von Pakistan, Indien und China will der Iran die westliche Blockade überstehen.

Es gehört zu den vielen Widersprüchen des Iran, dass die jüdische Gemeinde von Teheran ausgerechnet von einem Holocaust-Leugner Unterstützung bekommt. Dem Leiter des Sapihr-Spitals bleibt nichts anderes übrig, als den Kontakt zu den Behörden zu suchen. Denn als Abgeordneter wird er ständig von Bittstellern umringt. Ein junger Ingenieur aus Schiras sucht eine Stelle an der Teheraner Universität. Das ist nicht nur deshalb schwierig, weil er Jude ist. Andererseits könnte der junge Ingenieur dem Krankenhaus helfen, eine eigene Sauerstoffproduktion aufzubauen. Ein interessanter Vorschlag in Zeiten der Sanktionen.

„Werden 3.000 Jahre miteinander friedlich leben“

Im jüdischen Krankenhaus werden jeden Tag auch Kinder muslimischer Eltern geboren. „Eines ist für mich sicher. 3.000 Jahre lang haben Kinder, die im Iran geboren wurden, friedlich miteinander gelebt. Und sie werden weitere 3.000 Jahre friedlich miteinander leben“, sagt Morsadeh. In der Synagoge von Teheran gibt man uns zum Abschluss einen Rat mit. Wir sollen das Gute und das Schlechte zeigen - und nur bitte nicht behaupten, hier wäre alles wunderbar.

Christian Schüller, ORF, aus dem Iran

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