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Tausche Schiefergas gegen Gourmetkäse

Der offizielle Startschuss für Verhandlungen über freien Handel zwischen der EU und den USA war auf dem letzten G-8-Gipfel Mitte Juni einer der kleineren Programmpunkte. Zwar wird es tatsächlich Jahre dauern, bis sich 800 Millionen Konsumenten auf einem Markt bedienen dürfen. Dann aber wird die Freihandelszone das Leben jedes einzelnen von ihnen beeinflussen.

Dabei geht es nicht nur um die einfache Rechnung, dass Europäer dann auch leichter US-Produkte erwerben und US-Amerikaner umgekehrt bequem Waren „made in Europe“ kaufen können, denn die grundlegende Änderung muss schon eine Stufe davor passieren: bei der Angleichung maßgeblicher Produktnormen - von der Sicherheit im Auto über die Auflagen für Medikamente und Lebensmittel bis zu allgemeinsten Spezifikationen für fast alles, was gehandelt werden kann.

Zwei Kontinente, eine Vorschrift

Damit wird sich auch die Produktpalette jener Europäer verändern, die ausschließlich „europäisch“ kaufen wollen: Die kommenden gesetzlichen Vorschriften für Handelsprodukte werden ein Kompromiss zwischen den europäischen und den US-Normen sein und dann für Produkte beider Kontinente gelten. Kritiker des Abkommens befürchten deshalb, dass es dann keine wirksamen Barrieren gegen gentechnisch modifizierte Lebensmittel mehr geben wird.

Bei technischen Spezifikationen, etwa bei Autos, dürften sich die Anforderungen für Europa umgekehrt erhöhen. Die europäischen Autohersteller werden diese allfälligen Verpflichtungen aber nur allzu gerne erfüllen, denn als Lohn winkt der riesige, bisher durch Zölle abgeschottete US-Automarkt. Zudem sparen sich Produzenten von Technik dann doppelte Zulassungsverfahren und oftmals zwei komplett unterschiedliche Produktdesigns für die beiden Kontinente.

Schuhe und Käse billiger für Amerikaner

Das Lichten des Dschungels aus unterschiedlichen einzelnen Zollregeln wird auch so manch andere Branche beflügeln: Der Wegfall bisher exorbitanter US-Zölle auf Lederwaren wird europäische Schuhe zum programmierten Exportschlager machen, rechnet die britische BBC in einem Hintergrundbericht vor. Ebenso freuen sich US-Gourmets schon jetzt auf europäische Käsespezialitäten, die bisher durch Zölle auf Molkereiprodukte nachgerade unerschwinglich waren.

Mehr profitieren werden laut den Prognosen jedoch die europäischen Konsumenten, etwa durch neue Konkurrenz auf dem Energiemarkt. Die Freihandelszone wird den europäischen Markt für Lieferungen von US-Schiefergas öffnen und damit für weniger Abhängigkeit von russischem Gas, mehr Konkurrenz und vermutlich niedrigere Preise sorgen. Billiger dürften auch Medikamente werden, ebenfalls durch den Wegfall teurer Doppelgleisigkeiten.

Vereinheitlichung birgt auch Gefahren

Die Vereinheitlichung der Regeln würde weit über die EU und die USA hinaus wirken: Wie die BBC erinnert, steht etwa beim Technologiekonzern Samsung gerade die Entscheidung an, ob Produkte für den asiatischen Markt maßgeschneidert und für den westlichen Markt lediglich modifiziert werden - oder umgekehrt. Einheitliche EU-USA-Regeln könnten dazu führen, dass man in Konzernen beim Produktdesign zuerst an den Westen und dann erst an den Osten denkt.

Die Vereinheitlichung von Regeln birgt abseits von Handelsprodukten allerdings zusätzliche Gefahren in sich. Die globalisierungskritische Organisation ATTAC etwa wies erst am Dienstag in einer Aussendung darauf hin, dass etwa bei Dienstleistungen und Immaterialgüterrechten wesentliche Fragen vorerst gänzlich offen sind - bedenklich etwa, wenn man an Trends zur Patentierung von medizinisch relevanten Forschungsergebnissen denkt.

Die Sache mit den Autoscheinwerfern

Neben den Vorteilen sind allerdings auch die praktischen Auswirkungen möglicher Nachteile noch Zukunftsmusik, wie Beispiele aus Teilbereichen illustrieren: Seit 1995 etwa bemühen sich US-amerikanische und europäische Automobilkonzerne um eine einheitliche Regelung über Tagfahrscheinwerfer. Seit man zur Einsicht kam, dass dafür auf einem der beiden Kontinente wegen des jeweils unterschiedlich ausgeleuchteten Straßenabschnitts auch alle Verkehrsschilder neu aufgestellt werden müssten, ruhen die Gespräche.

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